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Die Referenten (von links) Bernd Müller (Volkswagen AG), Tim Franke (Siemens), Professorin Veronique Goehlich, Verkehrsminister Winfried Hermann und Gerd Ahrens (Uni Dresden). Ketterl
Die Referenten (von links) Bernd Müller (Volkswagen AG), Tim Franke (Siemens), Professorin Veronique Goehlich, Verkehrsminister Winfried Hermann und Gerd Ahrens (Uni Dresden). Ketterl
Auch Nutzfahrzeuge werden e-mobil gemacht. Davon überzeugten sich (von links) die Studenten Uwe Polzer, Dennis Braun und Marcus Moser gemeinsam mit E-Mobilitäts-Experte und Unternehmer Werner Eberle.
Auch Nutzfahrzeuge werden e-mobil gemacht. Davon überzeugten sich (von links) die Studenten Uwe Polzer, Dennis Braun und Marcus Moser gemeinsam mit E-Mobilitäts-Experte und Unternehmer Werner Eberle.
23.06.2017

Automobilforum an der Hochschule Pforzheim entwirft Mobilitätskonzept

Der Spaß am Fahren bleibt auf der Strecke – befürchten viele Liebhaber von PS-starken Automobilen. Nicht nur, weil sie regelmäßig mit ihrem Porsche zwischen Stuttgart und Pforzheim im Stau stehen.

Digitalisierung, Car-Sharing, autonomes Fahren und E-Mobilität verändern generell das Nutzungsverhalten vieler Verkehrsteilnehmer. Unter dem Titel „Transformation der Automobilindustrie durch E-Mobilität und Digitalisierung“ beleuchteten gestern Forscher der Hochschule Pforzheim zusammen mit Experten aus Wissenschaft und Praxis die gewaltigen Umwälzungen interdisziplinär. Wird durch die digitale Vernetzung das private Auto etwa überflüssig?

Professorin Dr.-Ing. Véronique Goehlich, Organisatorin des Automobilforums und Professorin im Studiengang International Business, erläuterte die grundlegende Fragestellung: Können durch die Einbindung von Elektro-Fahrzeugen maximale Effizienz und Versorgungssicherheit erzielt werden? Newcomer wie Tesla, Uber oder Google entwickeln vollkommen neue Ansätze und stellen die traditionellen Konzepte in Frage.

Was bedeutet dies für die Automobilindustrie?

Die Prozesse in Fertigung und Logistik werden sich durch Industrie 4.0 grundlegend wandeln, bestätigte Bernd Müller, Leiter Digitalisierung in der Produktion bei der Volkswagen AG. Das sei aber nichts grundlegend Neues für die Branche. Die Automatisierung schreite schon seit Jahren voran. Im Karosseriebau von VW liege der Anteil der Wertschöpfung durch Roboter schon heute deutlich über 80 Prozent. In der Fahrzeugmontage gibt es noch ein gewaltiges Automatisierungspotenzial. Die Mitarbeiter müsse man mitnehmen und qualifizieren.

Durch Industrie 4.0 und den Anstieg der E-Mobilität werden ganze Produktionsprozesse wegfallen – etwa im Motoren- und Antriebsbau, wo heute in einem Getriebe bis zu 1000 präzise Metallteile benötigt werden – diese kommen häufig von Zulieferbetrieben aus der Region, um die sorgt sich Professor Mario Schmidt. „Die kleinen und mittleren Unternehmen sind nicht das Problem“, glaubt dagegen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Die seien innovativ wie Start-Ups und leistungsfähig genug, um den Wandel zur E-Mobilität zu schaffen. Der Stuttgarter Autozulieferer Mahle, zu dem auch der Kühlerbauer Behr in Mühlacker gehört, habe bereits ein Drittel seiner Produktion auf die neue Mobilität weg vom Verbrennungsmotor ausgerichtet. Sorgen macht sich der Minister vielmehr um die großen Autokonzerne. „Die sind noch schwerfälliger als die staatliche Bürokratie.“

Muss jeder im eigenen Auto unterwegs sein?

Professor Gerd Ahrens, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, hat in den vergangenen 40 Jahren die unterschiedlichsten Verkehrskonzepte erlebt. Zunächst wurden Straßenbahnen eingestampft, um dem Individualverkehr mehr Fahrspuren in den Städten zu schaffen. Die Ölkrise in den 1970er-Jahren und die Umweltdebatte um den sauren Regen lösten ein Umdenken aus und plötzlich war innerstädtische Verkehrsberuhigung angesagt. Die Mobilitätseinstellung „nutzen statt besitzen“ sei meist nur bei jüngeren Menschen, die in der Stadt leben, zu beobachten. Dort führe an einem leistungsfähigen ÖPNV kein Weg vorbei. Zugleich müssten Taxis und Polizeiflotten e-mobil gemacht werden, fordert der Mobilitätsexperte. Auf dem flachen Land sei das Auto nach wie vor konkurrenzlos, so Ahrens. Allerdings gebe es durch moderne Fahrdienstvermittler die Chance für die effiziente Mitnahme von Mitfahrern.

Macht ein Tempolimit überhaupt Sinn?

Tim Franke, zuständig für Innovative Mobility Solutions bei der Siemens AG, zeigte den Weg zu intelligenten Verkehrsinfrastrukturen auf. „Individualverkehr ist sicher nicht die Lösung.“ Die Staus würden immer länger. Beim autonomen Fahren gehe es um die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Probleme habe der Computer am Steuer wegen des eingeschränkten Sichtfelds beim Abbiegen und wenn ein Mensch die Fahrbahn betritt und dort stehenbleibt. „Dann erkennt er ein Hindernis und bremst, um einen Unfall zu vermeiden.“ Intelligente Verkehrsführung setze ein übergeordnetes Info-System voraus, das Staumeldungen, persönliches Nutzungsverhalten und Daten aus dem ÖPNV koordiniert, um das beste Verkehrsmittel für die gewünschte Tageszeit und Strecke zu finden. „Ein Tempolimt macht in diesem Gesamtkonzept durchaus Sinn.“