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Duale Ausbildung oder Studium – viele Abiturienten haben die Qual der Wahl. Auch im IT-Bereich gibt es noch freie Ausbildungsplätze. Foto: Schmidt
Duale Ausbildung oder Studium – viele Abiturienten haben die Qual der Wahl. Auch im IT-Bereich gibt es noch freie Ausbildungsplätze. Foto: Schmidt
19.07.2017

Betriebe bemühen sich um Bewerber: Azubis verzweifelt gesucht

Berlin/Pforzheim. Gute Nachrichten aus der Region Nordschwarzwald: Die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge im Bereich der Industrie- und Handelskammer hat sich mit 1525 im Vergleich zum Vorjahr (1466) um vier Prozent erhöht. In Pforzheim stieg die Zahl von 380 auf 393, im Enzkreis wurden sogar 416 (393) neue Lehrverträge abgeschlossen. Doch bundesweit suchen viele Firmen händeringend nach geeigneten Lehrlingen – und bezahlen ihnen sogar den Führerschein, eine Vergütung über Tarif oder einen Bonus für gute Berufsschulnoten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat für seinen Report „Ausbildung 2017“ Eindrücke und Stimmungen in 10 500 Betrieben gesammelt.

Wie ist die Lage am Lehrstellenmarkt aus Sicht der Unternehmen?

Angespannt wäre noch untertrieben. „Heute können über doppelt so viele Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen wie vor zehn Jahren“, bedauerte DIHK-Präsident Eric Schweitzer gestern in Berlin. „Inzwischen ist das bei knapp einem Drittel der Unternehmen der Fall. Fast jeder zehnte Ausbildungsbetrieb hat noch nicht einmal eine Bewerbung erhalten.“

Decken sich diese Einschätzungen mit offiziellen Zahlen?

Im Großen und Ganzen schon. Nach dem Anfang April veröffentlichten Berufsbildungsbericht der Bundesregierung sank die Gesamtzahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge 2016 auf gut 520 000. Fünf Jahre davor wurden noch fast 570 000 Lehrstellen besiegelt. Auch in Baden-Württemberg ist die Zahl der Ausbildungsverträge rückläufig. Als Erklärung gelten die demografische Entwicklung mit immer weniger jungen Menschen in Deutschland und der Trend zum Studium (Wintersemester 2016: 508 000 Erstsemester). Die Zahl offener Azubi-Plätze wuchs im Vorjahr um 4,5 Prozent auf 43 500.

Wie steht es denn um die „Ausbildungsreife“ der Bewerber?

Nach DIHK-Eindrücken nicht gut. Laut Umfrage sank der Anteil der Lehrbetriebe, die total zufrieden mit den angebotenen Qualifikationen sind, auf unter zehn Prozent. Umgekehrt stellten 91 Prozent der Firmen Mängel fest. Mit Nachhilfe oder einer „Assistierten Ausbildung“ gelinge immer mehr dieser Jugendlichen der Einstieg.

Zu wenig Bewerber oder die falschen: Müssen Firmen woanders suchen?

Es sei nun „umso wichtiger, dass wir vorhandene Potenziale nutzen“, etwa von Studienabbrechern oder Flüchtlingen, so Schweitzers Credo. Derzeit landen immerhin 43 Prozent der Studienabbrecher zügig in einer Berufsausbildung (2008: 22 Prozent). Den DIHK-Betrieben sind solche schulisch gut gebildeten Menschen hochwillkommen, sagt Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. „Aber besser wäre es natürlich, sie gingen ohne den Umweg eines abgebrochenen Studiums in die duale Ausbildung.“

Und was sagen die Gewerkschaften zur DIHK-Analyse?

„Die Spannungen nehmen zu“, sagt DGB-Vize Elke Hannack. „Jugendliche mit einem niedrigeren Schulabschluss sind von vielen Angeboten oft von vorneherein ausgeschlossen.“ Wegen dieser „Bestenauslese“ hätten 1,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung. „Insgesamt 300 000 stecken in dem Maßnahmen-Dschungel fest.“