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Ein Skelett als Werbeträger der Gewerkschaft Verdi.  Bockwoldt
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23.03.2016

Betriebsrenten in der Zinsfalle

Die Niedrigzinsen hinterlassen deutliche Spuren in den Unternehmensbilanzen. Viele Firmen versprechen daher keine konkreten Leistungen mehr, sondern sagen lediglich zu, einen bestimmten Betrag pro Monat in Vorsorgekassen einzuzahlen. Das Zinsrisiko tragen die künftigen Pensionäre.

Was ist das Problem?

Pensionszusagen sind erst in einigen Jahren fällig. Maßstab für die Berechnung von Pensionslasten ist die Rendite von Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Sinkt die Rendite der Anleihen, steigt der in der Bilanz anzusetzende Gegenwert der Pensionsverpflichtungen. Dafür gibt es einen Rechnungszins.

Wie wird der Zins berechnet?

Für Konzerne wie Dax-Unternehmen, die ihre Bilanz auch nach dem internationalen Standard IFRS aufstellen, ergibt sich der Rechnungszins vereinfacht gesagt aus dem Durchschnittswert der Marktrendite von Unternehmensanleihen mit guter Bewertung. Der Rechnungszins nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) wird monatlich von der Deutschen Bundesbank veröffentlicht.

Wie haben sich die Pensionsverpflichtungen entwickelt?

Bei den Dax-Konzernen sanken sie 2015 nach Berechnungen des Beratungsunternehmens Mercer leicht von rund 372 Milliarden Euro auf 362 Milliarden Euro. Zu ähnlichen Zahlen kommt das Beratungsunternehmen Willis Towers Watson. Von einer durchgreifenden Entspannung kann nach Einschätzung der Branchenexperten derzeit allerdings keine Rede sein. Die Niedrigzinsphase werde mit hoher Wahrscheinlichkeit anhalten, sagt Alfred Gohdes, Chefaktuar bei Willis Towers Watson. „Die Finanzierungskosten sind durch die Niedrigzinsen gewaltig gestiegen.“ Die Dax-Konzerne seien für die Herausforderungen aber sehr gut aufgestellt.

Wie reagiert die Politik, die die betriebliche Altersvorsorge fördern will?

Durch eine Gesetzesänderung will die Bundesregierung die Unternehmen entlasten. Für die Kalkulation des Zinssatzes wird nun der Durchschnitt der vergangenen zehn Geschäftsjahre zugrunde gelegt, statt wie bisher sieben Jahre. Vor zehn Jahren war das allgemeine Zinsniveau deutlich höher als heute.

Hilft den Firmen die Änderung?

„Sollten die Zinsen dauerhaft niedrig bleiben, wird durch die Änderung lediglich etwas Zeit erkauft“, sagt der Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), Klaus-Peter Naumann. Auch nach Einschätzung von Mercer-Chefaktuar Hagemann entlastet die Änderung Firmen nur kurzfristig. Die meisten Unternehmen würden die neuen Regeln erstmals zum 31. Dezember 2016 anwenden. Bei andauernd niedrigem Zinsniveau schätzt Hagemann die Entlastung für die gesamte deutsche Wirtschaft in diesem Jahr zusammengerechnet auf etwa 15 Milliarden Euro. Im Folgejahr ergebe sich noch eine kleine zusätzliche Entlastung. Von 2018 an käme es zu einer Umkehrung. Dann fallen die Hochzinsjahre wieder heraus.

Wie wichtig ist die betriebliche Altersversorgung?

Die große Mehrheit der Beschäftigten (83 Prozent) hält laut einer Befragung von Willis Towers Watson eine betriebliche Altersversorgung für wichtig. Für 37 Prozent war sie sogar der Grund, beim derzeitigen Arbeitgeber zu bleiben. „Wir erleben vielfach, dass geschlossene Versorgungswerke wieder geöffnet werden, um Mitarbeiter zu binden“, sagt Thomas Jasper, Bereichsleiter bei dem Beratungsunternehmen.