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Ina Rau ist Autorin der Festschrift.
Ina Rau ist Autorin der Festschrift.
08.07.2016

Buchvorstellung zum 125-jährigen Bestehen der IG Metall Pforzheim

Es soll keine Chronik im klassischen Sinne sein – vielmehr sollten auch Beschäftigte und Weggefährten aus Pforzheimer Betrieben zu Wort kommen. „Gegen den Strom und immer flussaufwärts“ ist der Titel eines ungewöhnlichen Buches zum 125-jährigen Bestehen der IG Metall, das gestern vorgestellt wurde. Autorin ist Ina Rau, die in monatelanger Recherchearbeit schwerpunktmäßig die vergangenen 25 Jahre Gewerkschaftsarbeit beleuchtet hat.

„Gegen den Strom“ steht für den Mut der Beschäftigten, sich gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit einzusetzen. „Immer flussaufwärts“ für den Sitz der IG Metall Pforzheim, der über die Jahrzehnte vom DGB-Haus an der Auerbrücke entlang der Enz zur Jörg-Ratgeb-Straße verlegt wurde. Zu den Zeitzeugen zählt Wirtschafts-Professor Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung. Der gebürtige Pforzheimer lehrt an der Uni Würzburg. Der wirtschaftliche Erfolg, um den viele Länder der Welt Deutschland beneiden, sei nicht nur auf innovative Produkte und Serviceleistungen zurückzuführen, sondern auf die besondere Unternehmenskultur. Bofinger spricht in dem Buch von einem ungewöhnlich kooperativen Miteinander von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dazu zähle auch das „Pforzheimer Abkommen“ aus dem Jahr 2004, das zu einem Musterbeispiel für erfolgreiche Tarifpolitik geworden sei. Um in einer wirtschaftlichen Krise Entlassungen zu vermeiden, sind befristete Abweichungen vom Flächentarifvertrag möglich.

Dass Gewerkschaftsarbeit längst nicht nur aus Warnstreiks mit roten Fahnen und Trillerpfeifen besteht, belegen ehrenamtliche Funktionäre der IG Metall Pforzheim. Sie berichten aus der täglichen Arbeit im Betrieb. Erläutert werden anschaulich die Umsetzung weiterer Meilensteine – etwa die 35-Stunden-Woche, die Altersteilzeit-Regelung, das Bildungszeitgesetz sowie der Entgeltrahmentarifvertrag. Doch in der Festschrift sind nicht nur die Erfolge der Gewerkschaft aufgeführt, „sondern auch Niederlagen, aus denen wir gelernt haben“, wie Martin Kunzmann, seit 25 Jahren Erster Bevollmächtigter der IG Metall Pforzheim, betont.

Von den 9100 Mitgliedern der Gewerkschaft sind rund 800 als Betriebsräte, Jugendvertreter und Vertrauenleute in den regionalen Metall- und Elektro-Unternehmen tätig. Sie erzählen in dem Buch, wie sich ihre Betriebe in den vergangenen 25 Jahren entwickelt haben. Dabei wird auch der schmerzhafte Strukturwandel der Goldstadt deutlich. Etliche Schmuck- und Elektrobetriebe sind seither aus Pforzheim verschwunden, Tausende von Arbeitsplätzen gingen verloren. Erwähnt werden Henkel & Grosse, Thales (SEL), Harman Becker und Behr. Ein Kapitel widmet sich der „Zukunft der Arbeit“ – denn Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern die Arbeitswelt.

Das 125-Jahr-Jubiläum der IG Metall Pforzheim/Enzkreis wird am kommenden Samstag, 16. Juli mit einem Familienfest beim 1.FC Ispringen gefeiert. Der offizielle Festakt mit geladenen Gästen

findet am 16. Oktober statt.