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Sprachen vor Unternehmensvertretern über das Thema „Flüchtlinge und Asylbewerber beschäftigen und ausbilden“ (von links): Laura Gudd (Flüchtlingsrat Baden-Württemberg), Daniela Paume (Welcome Center in der IHK), Professor Günther Bergmann (Hochschule Pforzheim) und IHK-Hauptgeschäftsführer Martin Keppler.
Sprachen vor Unternehmensvertretern über das Thema „Flüchtlinge und Asylbewerber beschäftigen und ausbilden“ (von links): Laura Gudd (Flüchtlingsrat Baden-Württemberg), Daniela Paume (Welcome Center in der IHK), Professor Günther Bergmann (Hochschule Pforzheim) und IHK-Hauptgeschäftsführer Martin Keppler.
09.12.2015

Bürokratischer Hürdenlauf für Arbeitgeber

Pforzheim. Rund 15 000 Flüchtlinge leben in der Region. Nicht jeder von ihnen werde bleiben, aber ein großer Teil kehre nicht mehr in seine Heimat zurück, sagte gestern Martin Keppler, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald. Diese Menschen gelte es, „dauerhaft willkommen zu heißen“. Keppler sieht in der Zuwanderung Chancen.

Beispielsweise Chancen für die schrumpfenden Städte und Gemeinden – insbesondere im ländlichen Raum –, ihre Bevölkerungszahl und damit die kommunalen Einnahmen zu erhöhen. Und er sieht eine Möglichkeit für die Unternehmen der Region, sie könnten ihren derzeitigen Mangel an qualifizierten Mitarbeitern beseitigen.

Doch Kepplers Fachkräfte-Euphorie wurde gedämpft, zumindest auf kurz- bis mittelfristige Sicht. Bei einer Veranstaltung des Welcome Centers gestern im Pforzheimer IHK-Haus – speziell für Unternehmen zum Thema „Flüchtlinge und Asylbewerber beschäftigen und ausbilden“ – erklärte Werner Hess von der Arbeitsagentur Nagold Pforzheim, dass nur sieben Prozent der Asylbewerber eine akademische Ausbildung hätten und lediglich elf Prozent „eine verwertbare Qualifikation“.

Der Grund für diesen Mangel laut Hess: „Die Menschen, die zu uns kommen, sind überwiegend jung, viele sind nicht älter als 25 Jahre. Es kann also gar nicht sein, dass sie eine hohe Qualifikation haben.“ Daraus erwuchs die Erkenntnis in der Arbeitsagentur: „Wir müssen in Kompetenz und Ausbildung investieren.“

Dass überhaupt Aussagen zur Qualifikation der Flüchtlinge getroffen werden können, ist ungewöhnlich. „Die Kompetenzen der Asylbewerber sind für uns ein weißes Blatt“, erklärte Anita Gondek, Integrationsbeauftragte der Stadt Pforzheim. Aufgrund der hohen Zahl an ankommenden Flüchtlingen sei es schwierig, deren Kompetenzen zu erfahren. Auch Erdinc Eren vom Jobcenter hat keine aussagefähige Statistik. Er machte jedoch für seinen Bereich deutlich: „Die Qualifikation, die die Jugendlichen im Ausland erworben haben, sind nicht eins zu eins umsetzbar.“

Alleine in Pforzheim wurden bis Ende November 1018 Asylbewerber registriert, sagte Sigrun Frieße, Leiterin der Pforzheimer Ausländerbehörde. „Im Enzkreis dürfte die Zahl ähnlich hoch sein“, vermutete sie. Und auch hier die Aussage: „Über die Qualifikation kann ich nichts sagen.“

Die Arbeitsagentur hat laut Werner Hess für den Bereich Pforzheim und Enzkreis drei jeweils mehrsprachige Vermittler angestellt. Sie würden in die Sammelunterkünfte gehen, um im Kontakt mit den Flüchtlingen herauszubekommen, ob eine schulische und berufliche Ausbildung vorliegt und gegebenenfalls auf welchem Niveau. Klar sei, so Hess: „Der syrische Arzt ist ein Einzelfall.“

Einig waren sich alle anwesenden Experten, dass der Weg der Asylbewerber zu einem Job – ob Berufsausbildung oder sonstige Anstellung – von Kenntnissen der deutschen Sprache abhängig sei. „Das kann man lernen“, zeigte sich Professor Günther Bergmann von der Hochschule Pforzheim – Fachbereich Personal – zuversichtlich. Den Unternehmern sagte er: „Sprache und Qualifikation – beides wird uns begleiten.“ Vor allem die Ausbildung sieht Bergmann als wichtiges Thema. Es gehe auch darum, Hürden zu überwinden.

Diese Hürden stellte den mehr als 100 Firmenvertretern im IHK-Haus zunächst Laura Gudd (Ethnologin und Soziologin) in den Weg – zumindest rhetorisch. Sie ist Projektreferentin des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg und informierte über zahlreiche Einschränkungen und gesetzliche Vorgaben, die das Einstellen eines Flüchtlings zu einem bürokratischen Hindernislauf machen. Erläuterungen zu Stichworten wie Aufenthaltsgestattung und Niederlassungserlaubnis, Büma (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender) und Vorrangprüfung, Bamf (Bundesamts für Migration und Flüchtlinge) und nachrangiger Arbeitsmarktzugang dürften so manchen Gutgewillten unter den Anwesenden gestern Nachmittag abgeschreckt haben, einen Flüchtling einzustellen. Laura Gudd scheint aus ihren zahlreichen Auftritten in Sachen rechtliche Hinweise die betroffenen Gesichter am Ende ihres Vortrags einordnen zu können: „Sie hatten sich das alles etwas einfacher vorgestellt.“ Aber, machte sie deutlich, was ohnehin schon viele zu denken schienen: „Es ist ein bisschen kompliziert, wenn man einen Flüchtling einstellen will.“