nach oben
PZ-Wirtschaftsredakteur Lothar Neff (von links) und Chefredakteur Magnus Schlecht im Gespräch mit dem DGB-Landesvorsitzenden Kunzmann. Foto: Ketterl
PZ-Wirtschaftsredakteur Lothar Neff (von links) und Chefredakteur Magnus Schlecht im Gespräch mit dem DGB-Landesvorsitzenden Kunzmann. Foto: Ketterl
Martin Kunzmann steht vor seiner Wiederwahl.  Foto: Ketterl
Martin Kunzmann steht vor seiner Wiederwahl. Foto: Ketterl
22.12.2017

DGB-Landeschef Martin Kunzmann: Kritik an mangelnder Ausbildungsbereitschaft

Martin Kunzmann freut sich auf vier spannende Jahre an der Spitze des DGB. Vorausgesetzt, dass ihn die 100 Delegierten der acht Mitgliedsgewerkschaften am 27. Januar im Amt des Landesvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes bestätigen. Der 61-jährige Ispringer pendelt täglich nach Stuttgart. Zwei Tage im Monat ist er beim DGB in Berlin präsent. Ein Jahr hatte das Urgestein der IG Metall Pforzheim Zeit, sich in seine neue Aufgabe in der Landeshauptstadt einzuarbeiten.

„Ich hoffe, dass ich meine Probezeit bestanden habe“, sagt Kunzmann. Im Gespräch mit der PZ zieht er eine Zwischenbilanz seiner Arbeit, die ihn von den Werktoren der Metall- und Edelmetallbetriebe in die Schaltzentralen der Landespolitik führte. Es geht in den Gesprächen mit Ministerien und Fraktionen um Fragen der Digitalisierung, der Aus- und Weiterbildung und der Wohnungspolitik. Selbstverständlich stehen auch sozialpolitische Fragen auf der Tagesordnung. Der DGB will eine Kehrtwende in der Rentenpolitik und die Rückkehr zur Parität in der Krankenversicherung.

Von der grün-schwarzen Landesregierung fordert der DGB-Vorsitzende mehr Investitionen in die Bildung und zwar jetzt. „Sonst wird es irgendwann richtig teuer.“ Die Zukunft der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Land dürfe nicht der haushaltspolitischen „schwarzen Null“ geopfert werden. Die Berufsschulen müssten für die Digitalisierung besser ausgestattet werden. Qualifizierung sei der Schlüssel zur Sicherung der Beschäftigung im Automobilland Baden-Württemberg. Man dürfe den Verbrennungsmotor nicht verteufeln. Wenn die Elektromobilität politisch verordnet werde, müsse man den Mitarbeitern im Motorenbau Perspektiven bieten. Viel zu wenige Unternehmen nutzen das Förderprogramm WeGeBau der Arbeitsagentur zur Qualifizierung langjähriger Mitarbeiter.

Qualifizierung und ein gutes Bildungssystem kosten Geld. Zur Gegenfinanzierung fordert der DGB deshalb die Erhöhung der Erbschaftssteuer und die Wiedereinführung der Vermögensteuer. „Das wäre eine mögliche Stellschraube.“ Mit Blick auf die schwierige Regierungsbildung in Berlin meint der überzeugte Sozialdemokrat, dass sich die SPD nicht der Verantwortung entziehen dürfe. „Jamaika hätte für die Arbeitnehmer wenig Gutes gebracht“, betont Kunzmann mit Blick auf die gescheiterten Sondierungsgespräche zwischen Union, FDP und Grünen. Neuwahlen würden wohl keine gravierenden Veränderungen bringen, glaubt der DGB-Chef.

Was die aktuelle Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie betrifft, macht Kunzmann deutlich, dass es um eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten geht – im Sinne der Beschäftigten. „Die IG Metall fordert einen individuellen Anspruch für alle Beschäftigten auf eine verkürzte Vollzeit. Es geht um eine befristete Reduzierung der Arbeitszeit. Es geht nicht um die generelle Einführung der 28-Stunden-Woche für alle“, erklärt der langjährige Pforzheimer IG-Metall-Bevollmächtigte, der 1984 beim Arbeitskampf für die Einführung der 35-Stunden-Woche dabei war.

„Betrieb steht nicht still“

Die Beschäftigten in vielen Betrieben hätten etliche Überstunden auf den Arbeitszeitkonten angespart, die auch abgefeiert werden müssten. Nötig sei hierfür ein vorausschauendes Personalmanagement, um individuelle Wünsche nach einem vorübergehenden Absenken der Wochenarbeitszeit zu ermöglichen. „Mit einer guten Planung sind diese Wünsche erfüllbar, ohne dass der ganze Betrieb stillsteht. Hier gibt es auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung der Arbeitgeber.“

Zurück zum Thema Bildung: Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in Baden-Württemberg nehme weiter ab. „Inzwischen bilden nur noch rund 20 Prozent der Betriebe aus.“

Auch wenn die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg nicht ganz so angespannt sei wie in anderen Regionen Deutschlands, gebe es auch hier eine Lücke zwischen Ausbildungsinteressierten und angebotenen Stellen. Die sogenannte Einmündungsquote von ausbildungsinteressierten Schulabgänger/innen lag 2016 bei 69,7 Prozent. Um diese auf 75 Prozent zu erhöhen, bräuchte es in Baden-Württemberg mindestens 5500 zusätzliche Ausbildungsplätze, erläutert Kunzmann. „Insofern kann ich das Gejammer der Arbeitgeber über den angeblich so schlimmen Fachkräftemangel nicht verstehen.“