nach oben
Lobt die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft in der Region Nordschwarzwald: wvib-Hauptgeschäftsführer Christoph Münzer. Foto: Wilhelm
Lobt die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft in der Region Nordschwarzwald: wvib-Hauptgeschäftsführer Christoph Münzer. Foto: Wilhelm
20.12.2016

„Da geht noch mehr“ - PZ-Interview mit Christoph Münzer

Vor sieben Jahrzehnten haben in Freiburg 85 Gründungsunternehmen den Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden ins Leben gerufen. Heute gehören dem wvib mehr als 1000 Firmen an – auch aus der Region Nordschwarzwald. Zu den Mitgliedern zählen unter anderem Namen wie Witzenmann und Kramski aus Pforzheim, OBE aus Ispringen, Eurosonic aus Keltern, PKT Tiefenbronn, Reeb aus Remchingen oder E.G.O. aus Oberderdingen sowie Herrmann Ultraschall aus Karlsbad – um nur einige zu nennen. Die wvib-Unternehmen zusammen repräsentieren rund 200 000 Beschäftigte im Inland und rund 40 Milliarden Euro Jahresumsatz. Fast 40 000 Mitarbeiter an Auslandsstandorten kommen hinzu. In der Zentrale Freiburg sind 45 Mitarbeiter beschäftigt. Der Verband hebt sich unter anderem durch sogenannte Chef-Erfas hervor. In diesen Erfahrungsaustauschgruppen geben nicht konkurrierende Führungskräfte wichtige Informationen weiter. Eines der Chef-Erfa-Ziele: frühzeitig Trends zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren.

PZ: Herr Münzer, der wvib ist 2016 in seinem 70. Bestehensjahr. Wer ist dieser Verband eigentlich?

Christoph Münzer: Der wvib wurde 1946 auf Betreiben der französischen Besatzungsbehörden als „Fachvereinigung Gießereien, Maschinen und sonstige Metallverarbeitung“ von Unternehmern für Unternehmer gegründet. Die existenzbedrohenden Startbedingungen der Nachkriegszeit ließen sich schon damals in einer lernenden Gemeinschaft besser bewältigen als im unternehmerischen Einzelkampf.

Was sind die Aufgaben?

In einem Satz: Wir wollen Menschen und Unternehmen wettbewerbsfähiger machen. Die Idee, alle Herausforderungen der Unternehmer rund um die Themen Familie, Unternehmensführung, technologischer Wandel, Erschließung neuer Märkte und politisch Umfelds gemeinsam zu bewältigen, war damals modern und ist es bis heute geblieben.

Gibt es noch Entwicklungspotenzial?

Gute Verbandsarbeit hat immer Konjunktur. Solange Menschen in unserer mittelständischen Industrie in irgendeiner Weise gefordert sind, haben wir etwas zu tun. Nachdem wir für unsere 1000 Unternehmenschefs schon ein unschlagbar breites Programm stehen haben, das sehr gut genutzt wird, gehen wir nun noch konsequenter auf die Führungsmannschaften zu. Derzeit sind rund 3000 Führungskräfte regelmäßig im Erfahrungsaustausch dabei. Wir wissen, da geht noch mehr und schaffen gerade die Kapazität dafür.

Worin unterscheidet sich der wvib gegenüber anderen Verbänden?

Wir arbeiten nur für die Industrie. Und wir sind in einem kompakten Raum, in dem man in zwei Stunden Autofahrt fast alle erreichen kann. Deshalb kennen wir unsere Mitglieder auch sehr gut, denn wir sind ein Verband, der vorbeikommt – regelmäßig, zu Unternehmens-Besuchen und Veranstaltungen. Andererseits haben wir innerhalb der Industrie einen breiten Mix mit vielen kreativen Querverbindungen zwischen Branchen und wenig Wettbewerb zwischen Mitgliedern. Damit kann man produktive Vernetzung, Globalisierung und Digitalisierung besser bewältigen, als wenn einzelne Branchen oder Landkreise alleine unterwegs sind.

Sie haben den Namen „wvib Schwarzwald AG“ als Wort-Bild-Marke schützen lassen. Was ist der Hintergrund?

Der Schwarzwald ist eine starke Marke. Er ist auch geprägt durch seine vitale Industrie. Seit rund zehn Jahren verwenden wir diese Bezeichnung für einen besonderen Typus Unternehmen, der von besonderen Menschen geprägt ist, die wiederum den Schwarzwald prägen. Es geht um tatkräftige Familien, die für Vertrauen und Nachhaltigkeit sorgen. Black Forest zieht auch im Ausland noch besser als Made in Germany.

Wo sitzen Ihre Mitgliedsunternehmen?

Wir kennen keine Grenzen: Unsere Mitglieder sind in 14 Landkreisen zu Hause, von Karlsruhe im Norden, über Pforzheim, Rottweil, Tuttlingen bis zum Bodensee und von Basel rheinabwärts bis Heidelberg. Wir haben auch rund 50 Schweizer Mitglieder, unser Präsident ist Schweizer Unternehmer. Es gibt sogar Bayern, Hessen – und einen Niedersachsen in Quakenbrück, aber das ist ein heimatvertriebener Schwarzwälder, der ohne uns nicht leben will.

Also ist das Geschäftsgebiet nicht auf Schwarzwald oder Baden beschränkt. Wär’s da nicht Zeit für eine Namensänderung?

BMW ist kein Bayrisches Motorenwerk und BASF keine badische Anilin- und Sodafabrik mehr. Und der wvib bleibt wvib, auch wenn er die alten Grenzen sprengt. Eine 70 Jahre alte Marke hat ungeheure Kraft.

Und wie bewerten Sie die Kraft des Wirtschaftsstandortes Nord-schwarzwald, in dem rund 50 wvib-Mitgliedsunternehmen ihren Sitz haben?

Die Region Pforzheim hat eine lange Tradition in der Schmuckindustrie. Aus diesen Kompetenzen entwickelten sich neue, zukunftsorientierte Industriezweige wie die Medizintechnik und die Stanz- und Präzisionstechnik. Aus dem Cluster ist ein bunter Strauß an innovativen Mittelständlern in der Wirtschaftsregion Nordschwarzwald gewachsen. Diese Unternehmen gehen oft unkonventionelle Wege, um Mitarbeiter zu finden und zu binden und den Standort zu stärken. Es gibt viele Hidden Champions. Besonders gut in diesem Teilraum ist die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft.