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Wieder sind die Getreidebauern enttäuscht: Vor allem im Süden und Südwesten fällt die Ernte mager aus. Foto: dpa-Archiv
Wieder sind die Getreidebauern enttäuscht: Vor allem im Süden und Südwesten fällt die Ernte mager aus. Foto: dpa-Archiv
23.08.2017

Das Wetter hat vielen Bauern das Jahr wortwörtlich verhagelt

Berlin. Eigentlich klingt es gar nicht so kompliziert: Wenn Weizen und Gerste reif sind, holen die Bauern die Ernte ein. Doch so einfach ist es dieses Jahr nicht. „Die Landwirte mussten das Getreide regelrecht vom Feld stehlen“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied über den diesjährigen Sommer. Vielerorts sei das Dreschen nur an wenigen Tagen überhaupt möglich gewesen. Dauerregen, aber auch Hagel und Stürme drückten Halme nieder und bedeuteten Zwangspausen für die Traktoren. Ganz unter Dach und Fach ist die Ernte immer noch nicht. Tendenzen zeichnen sich aber schon ab – womöglich bis in die Supermarktregale.

Dass Wetterkapriolen ihnen die Arbeit erschweren, sind die Bauern gewohnt. Diesmal sei die Ernte aber geradezu zu „einem Nervenspiel“ geworden, berichtet Rukwied am Dienstag in Berlin. Manche Landwirte entschlossen sich zum Beispiel, mit dem Mähdrescher loszufahren, auch wenn der Weizen streng genommen noch zu feucht war. Die Körner müssen dann nachträglich getrocknet werden, um lagerfähig zu sein. Das kostet extra. Anderseits drohen bei zu langem Abwarten auf dem Feld natürliche Qualitätsverluste – statt für Brotmehl lässt sich Getreide nur noch zu niedrigeren Preisen als Futterweizen verkaufen.

Insgesamt dürfte die Getreideernte nun mit 44,5 Millionen Tonnen das zweite Mal in Folge unter dem mehrjährigen Durchschnitt liegen. Die Enttäuschung fällt aber regional unterschiedlich aus. Während an den Küsten immerhin wieder etwas bessere Erträge herauskamen, folgten für viele Höfe im Westen und Südwesten des Landes zum wiederholten Male Einbußen. Eine Zäsur war ein plötzlicher Kälteeinbruch Mitte April, als heftige nächtliche Minusgrade ganze Obstbestände dezimierten.

Bei Äpfeln zeichnet sich die kleinste Ernte seit 1991 ab, wobei es etwa in Baden-Württemberg düsterer aussieht als im Norden. Auch in der EU wird mit weniger Äpfeln gerechnet. Ein knapperes heimisches Angebot könnte die Preise im Herbst steigen lassen. Dabei muss sich aber erst zeigen, ob der Einzelhandel darauf reagiert und womöglich anderswo Obst zu günstigeren Preisen einkauft. Schließlich gibt es inzwischen überall Weltmärkte, wie Rukwied sagt. Insgesamt ist der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln laut Statistischem Bundesamt weiterhin höher als die allgemeine Inflation – allerdings vor allem bei Milchprodukten, während Gemüse im Juli erneut günstiger wurde.

Für die Bauern ist die aktuelle Preisentwicklung eher ein Trost nach noch kritischeren Zeiten. Dabei mildert die schleppend verlaufende Ernte den sonst üblichen Druck auf die Getreidepreise wenigstens – weil nicht noch größere Mengen in kurzer Zeit abgeliefert werden. Maßgeblich bestimmt werden die Preise ohnehin von den globalen Märkten. Dort sind gerade leicht steigende Tendenzen zu verzeichnen. Dass dies auf die Brotpreise der Verbraucher durchschlagen könnte, glaubt der Bauernverband aber nicht. Brot sei ja zuletzt trotz viel niedrigerer Getreidepreise auch nicht billiger geworden. Neben dem Anteil für Mehl schlagen Kosten für Energie und Personal zu Buche.