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Grund für die Eintrübung der deutschen Wirtschaft: Die Exporte von Waren sanken im Vergleich zum Vorquartal – vor allem in der Automobilindustrie. Foto: dpa/Gollnow

Der deutschen Wirtschaft geht die Puste aus – Auch Pforzheim und die Region sind in Sorge

Wiesbaden/Pforzheim. Die exportorientierte deutsche Wirtschaft hat im Frühling eine Vollbremsung hingelegt. Belastet von internationalen Handelskonflikten und der Abkühlung der Weltwirtschaft schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Zum Jahresanfang war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen.

Überraschend ist diese Entwicklung nicht, sagte Hanno Beck, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim. „Wir hatten einen langen wirtschaftlichen Boom.“ Dass dieser irgendwann mal zu Ende ist, sei natürlich – „man kann nicht unbegrenzt wachsen.“ Grund zur Panik bestehe deshalb nicht. „Es sieht nach einer klassischen Abkühlung aus“, so Becks Einschätzung. Gefährlich wird es erst, wenn sich die Eintrübung verfestigt. Daraus könne ein strukturelles Problem entstehen. „Etwa, wenn die Politik falsche Entscheidungen trifft“, erklärte Beck.

Aktuell sehe die Regierung keine Notwendigkeit für weitere Maßnahmen, die die Konjunktur stabilisierten, sagte die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Ulrike Demmer. Für das Gesamtjahr gehe man weiter von einem leichten Wirtschaftswachstum aus. Zuletzt rechnete die Regierung mit einem Plus von 0,5 Prozent. Im vergangenen Jahr war das Bruttoinlandsprodukt insgesamt um 1,5 Prozent gestiegen.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten bereits erklärt, am Prinzip der „schwarzen Null“ festhalten zu wollen – also einer Politik ohne neue Schulden. Gebremst wurde die wirtschaftliche Entwicklung nach Angaben der Wiesbadener Behörde vom Außenhandel. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen sanken im Vergleich zum Vorquartal stärker als die Importe. Die Abkühlung der Weltwirtschaft, die Unsicherheiten wegen des Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie der Brexit belasten die exportorientierte deutsche Industrie. Hinzu kommt der Strukturwandel in der Autoindustrie durch die Elektromobilität.

Gestützt wurde die Konjunktur von der Kauflaune der Verbraucher. Die Menschen sind angesichts niedriger Arbeitslosigkeit und gestiegener Löhne und Gehälter in Konsumlaune. Zudem wirft Sparen wegen der Zinsflaute kaum mehr etwas ab. Zuletzt wurden die Verbraucher nach Angaben der GfK-Konsumforscher beim Geldausgeben allerdings vorsichtiger. Meldungen über Personalabbau und die Einführung von Kurzarbeit ließen demnach die Angst vor einem Jobverlust wachsen.

Auch die Konsumausgaben des Staates, zu denen unter anderem soziale Sachleistungen und Gehälter der Mitarbeiter zählen, legten von April bis Ende Juni zu. Die Bauinvestitionen sanken dagegen. Wegen des vergleichsweise milden Winters war das erste Quartal für den Bau allerdings auch ungewöhnlich stark.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bezeichnete die Zahlen als „Weckruf und ein Warnsignal“. Gleichzeitig sagte der Minister der „Bild“-Zeitung aber: „Ein deutlicher Abschwung zeichnet sich nicht ab.“ Gegenüber dem Vorjahreszeitraum wuchs die deutsche Wirtschaft bereinigt um Kalendereffekte im zweiten Quartal um 0,4 Prozent.

Die für das dritte Vierteljahr erhoffte Konjunkturerholung steht nach zuletzt eher schwachen Daten zunehmend in Frage. „Ein negatives drittes Quartal in Deutschland ist wahrscheinlich und damit eine zumindest leichte Rezession“, sagte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer bleibt die deutsche Wirtschaft „in einem Graubereich zwischen Magerwachstum und Rezession“.

Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Ökonomen von einer „technischen Rezession“. Es handelt sich in diesem Fall aber nur um eine sehr milde Rezession. Anders sähe es aus, wenn die Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr gegenüber dem Vorjahr schrumpft. Damit rechnet aktuell jedoch niemand.

Auch die IHK Nordschwarzwald betont: Von einer Rezession zu sprechen, sei nicht angebracht. „Die Wirtschaft ist in der Region Nordschwarzwald grundsätzlich sehr gut aufgestellt“, sagte Hauptgeschäftsführer Martin Keppler. Dennoch sei die konjunkturelle Abkühlung auch in der Region spürbar. „Vor allem die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung wirkt sich leicht dämpfend aus“, so Keppler. Denn die Auswirkungen der globalen Konflikte auf die regionale Wirtschaft seien noch kaum abschätzbar.

Claus Michelsen, Konjunkturchef des Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält die Zeit reif für einen Kurswechsel: „Der Staat sollte mehr Geld ausgeben, um beispielsweise Projekte der Energie- und Mobilitätswende, im Bereich der Digitalisierung, aber auch auf dem Wohnungsmarkt voranzubringen.“ Die Gelegenheit sei dank historisch niedriger Zinsen günstig wie nie zuvor, um die deutsche Wirtschaft zukunftsfest zu machen.

Im europäischen Vergleich zählte Deutschland zu den Schlusslichtern. Im Euroraum insgesamt wuchs das BIP nach Angaben des Statistikamtes Eurostat um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die 28 EU-Länder legten ebenfalls um 0,2 Prozent zu.