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Eines der wenigen Fotos von ihm: Jorge Paulo Lemann mit Ehefrau Susanna im Juli 2015.  GOMBERT
Eines der wenigen Fotos von ihm: Jorge Paulo Lemann mit Ehefrau Susanna im Juli 2015. GOMBERT
Immer mehr Biermarken sind in einer Hand.  Becker
Immer mehr Biermarken sind in einer Hand. Becker
15.10.2015

Die Brauriesen AB Inbev und SAB Miller wollen fusionieren

Erst nach einem Anruf lassen Sicherheitsbeamte des Planalto-Palastes Jorge Paulo Lemann durch, er muss den allgemeinen Aufzug nehmen. Aber er wirkt gelassen, ob des ungewöhnlichen Empfangs bei Präsidentin Dilma Rousseff. Und wartet bis der Aufzug kommt. Die Szene aus dem Juni passt zu ihm.

Anders als groß aufgestiegene und tief gefallene, zu Protz neigende Investoren Brasiliens ist er ein zurückhaltender Finanzstratege, der wenig auf Status oder Popanz zu geben scheint. Geprägt von protestantischer Arbeitsethik und den Schweizer Wurzeln.

Der Vater war Käsehändler im Emmental bevor er auswanderte. Mit 25 Milliarden US-Dollar Vermögen wird sein Sohn, der Harvard-Absolvent Lemann, bei Forbes auf Platz 26 der reichsten Männer der Welt geführt. Als Ur sprung seines Reichtums heißt es dort: „Beer, Self Made“. Dabei ist Jorge Lemann gar kein Biertrinker. Und äußerst diszipliniert: Er steht angeblich um 5.30 Uhr auf und geht meist bis 22 Uhr zu Bett.

Er gibt praktisch keine Interviews, konzentriert sich aufs Geschäft. Und steht nun wohl vor dem Höhepunkt eines vor 26 Jahren begonnenen Einkaufsmarathons in Sachen Biermarken.

Der bereits heute weltgrößte, von ihm und mehreren Geschäftspartnern über die Investmentfirma 3G Capital beherrschte Konzern AB Inbev will den zweitgrößten Bierbrauer SAB Miller für stolze 92 Milliarden Euro übernehmen. Damit würden 30 Prozent des Bieres weltweit künftig vom gleichen Konzern kommen – von Beck’s bis Foster’s. Übrigens wird AB Inbev von dem Brasilianer Carlos Brito geführt. Lemann ist sein Förderer, die Gewerkschaften sind nicht gerade begeistert vom Saniererkurs am Sitz in Belgien.

Auch mit 76 Jahren wirkt Lemann auf Fotos drahtig, fast asketisch, früher war er Tennisprofi, fünf Mal brasilianischer Meister, spielte in Wimbledon und im Davis Cup. Ein Titel blieb aus – doch er wollte der Beste sein. Also wurde er Unternehmer, wobei ihm das Geld gar nicht so wichtig war. Und es schuf auch Probleme: Nachdem 1999 in São Paulo Kidnapper versuchten, drei seiner fünf Kinder auf dem Weg zur Schule zu entführen, zog er sofort in die Schweiz an den Zürichsee. Er pendelt seither von dort viel nach Brasilien und in die USA. Seine Investmentfirma 3G Capital hat den Sitz weiter in Brasilien, in der Rua Humaitá nahe der Copacabana in Rio de Janeiro. Es gibt nicht viele Infos, bescheiden wird auf der Internetseite nur aufgelistet, wen man alles schon akquiriert hat: Heinz-Ketchup, Kraft Foods Group, Burger King, die brasilianische Woolworth-Variante Lojas Americanas und eben eine Biermarke nach der anderen. Oberste Maxime von Lemann als Hauptaktionär: Runter mit den Kosten, weg mit Luxus-Privilegien und unnötigen Hierarchien. Absoluter Leistungswille, keine Egotrips. „Ich habe noch nie ein so fähiges Management-Team gesehen, wie jenes, das Jorge Paulo Lemann gebildet hat“, sagte Investorenlegende Warren Buffett mal dem US-Sender CNBC. Er arbeitet eng mit Lemann zusammen.

Noch im Oktober könnte die 1989 mit der Übernahme des größten brasilianischen Braukonzerns Brahma begonnene Bier-Einkaufstour einen Höhepunkt finden. Mit der Akquise des in Brasilien sehr beliebten Antarctica-Bieres (das dem Namen entsprechend am liebsten fast gefroren getrunken wird) entstand AmBev, der größte Brauereikonzern Lateinamerikas. 2004 kam es mit dem belgischen Konzern Interbrew zur Fusion, der neue Konzern hieß InBev. Dann kam Lemanns größter Coup.

Rückzug in die Wüste

Im Mai 2008 reitet er mit seiner Frau Susanne, Brasiliens Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso und dessen Frau auf Kamelen durch die Wüste Gobi, als sein Blackberry immer wieder vibriert, wie die Biografin Cristina Correa berichtet. Seit Monaten hat er einen Plan ausgetüftelt für die feindliche Übernahme des US-Braukonzerns Anheuser-Busch, der mit Budweiser das meistverkaufte Bier der Welt produziert. August Busch IV will ihn sprechen, aber Lemann bleibt in der Wüste. Für 52 Milliarden Dollar klappt wenig später der Deal.