nach oben
Rainer Nübel. Foto: Warzecha
Rainer Nübel. Foto: Warzecha
05.12.2018

„Die Mafia ist unter uns“ - Journalist Rainer Nübel beleuchtet das Wirken der Ndrangheta in Baden-Württemberg

Pforzheim. Die Polizei holte Mario L. an einem grauen Januar-Morgen aus seinem Bett. Über 25 Jahre lang war es dem Pizzeria-Wirt aus Stuttgart gelungen, durch die Maschen von italienischen und deutschen Fahndern, Ermittlungen und Justizprozessen zu schlüpfen. Mario L. soll Statthalter einer mächtigen Mafia-Familie aus Kalabrien gewesen sein.

„Das organisierte Verbrechen ist unter uns“, sagte der Journalist Rainer Nübel in seinem Vortrag „Mafia, ‚Ndrangheta – Geld, Macht, Politik“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe W-T-W Women and Finance-Treff im Café Roland in Pforzheim. Ein Vortrag, der offenbar genau zur richtigen Zeit kam: Am Mittwoch teilte die italienische Polizei mit, dass bei einer großangelegten Razzia gegen die Mafia - unter anderem in Deutschland - 90 Menschen festgenommen wurden.

Alarmierend sei, wie gewissenlos die Mafia vorgehe, so Nübel Das zeigen Fälle wie der Fall Duisburg, als am Morgen des 15. August 2007 plötzlich sechs Tote vor einer Pizzeria gezählt wurden. Was sich hinter dem Begriff „Mafia“ in Deutschland verbirgt, ist die inzwischen wohl mächtigste italienische Mafiaorganisation, die kalabrische ‚Ndrangheta, die aus mehreren Familienclans besteht. Sie betreiben Drogenhandel, Waffengeschäfte und Geldwäsche. „Die ‚Ndrangheta agiert wie ein großer Konzern und macht mittlerweile 50 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr“, erklärte Nübel. Dieser werde größtenteils aus Drogen- und Waffengeschäften generiert. In Baden-Württemberg sei die ‚Ndrangheta seit vielen Jahren präsent. Auch die PZ und das Recherchebüro correctiv haben über mafiöse Aktivitäten in Pforzheim und der Region berichtet. „Interne Papiere von Ermittlern zeigen, dass mindestens sieben Familien-Clans im Land präsent sind“, so der Journalist. Unter den Familien selbst bestünden große Konflikte. Nübel vermutete, dass ein Krieg zwischen diesen Gruppen nicht ausgeschlossen sei.

Auch der Fall Duisburg habe sich aus dem Streit zwischen zwei Familien heraus entwickelt. „Baden-Württemberg liegt logistisch gesehen in einer wichtigen Lage für die ‚Ndrangheta, weil die Drogeneinflüsse vom Süden herkommen, vom Brenner aus gesehen. Das Bundesland ist daher ein wichtiges Transitland und manchmal auch ein Rückzugsraum, in dem Mörder abgestellt werden oder solche, die mit Geldwäsche handeln, mit Drogen dealen oder Straftaten begehen“, erläuterte der Journalist. Er selbst berichtete schon zusammen mit anderen Autoren im Auftrag einer Zeitung im badischen Raum über die Machenschaften und Verstrickungen der ‚Ndrangheta. 2008 wurde er als „Journalist des Jahres“ in der Kategorie „Regionale Autoren“ ausgezeichnet.

Ermittler vermuten, dass auch bei Immobiliengeschäften die ‚Ndrangheta dahinterstecken könnte. Tatsächlich gestalte es sich schwierig, einen Fall von Mafia-Betrug oder Geldwäsche nachzuweisen. „Man muss erst die ursprüngliche Straftat nachweisen, also zum Beispiel den Drogenhandel, um Geldwäsche später als Delikt überhaupt bestrafen zu können“, sagte Nübel.

Von Seiten des rund 40 Teilnehmer umfassenden Publikums kam zum Beispiel die Frage auf, inwieweit flächendeckend gegen die Geldwäsche von Seiten der Bundesregierung vorgegangen werde. Nübel beantwortete dies damit, dass die Verfolgung „seit Jahrzehnten schlecht sei und sich Deutschland bezüglich dessen auf dem Status eines Entwicklungslandes befinde.“

Ein Finanztreff zum Thema „Frauenhandel, Geldwäsche, Korruption“ findet am 31. Januar 2019, um 18 Uhr, im Café Roland statt.