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Professor Ulrich Jautz, Rektor der Hochschule Pforzheim, begrüßt das Projekt „Nordschwarzwald 2030+“. Fotos: Löffler
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Von rechts: IHK-Hauptgeschäftsführer Martin Keppler, IHK-Präsidentin Claudia Gläser, CDU-Bundestagsabgeordneter Joachim Fuchtel, Staatssekretärin Katrin Schütz, WFG-Aufsichtsratsvorsitzender Helmut Riegger. Fotos: Löffler
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Carsten Kraus von Omikron Data Quality fördert seine Mitarbeiter, um fit für die Digitalisierung zu sein. Fotos: Löffler

Die nächste Evolution ist digital: Initiative „2030+“ unterstützt Unternehmen im Nordschwarzwald

Pforzheim. Haben die Region Nordschwarzwald, Deutschland und Europa überhaupt noch eine wirtschaftliche Chance angesichts der digitalen Vormachtstellungen der USA und Chinas? Ja, sagt Carsten Kraus, „wir sind sogar in einer guten Position“.

Er ist Gründer des nach eigenen Angaben führenden deutschen Unternehmens im Bereich Datenqualität, und europäischer Marktführer für Suche und Navigation in Online-Shops. Die Omi-kron Data Quality GmbH mit rund 150 Beschäftigten hat ihren Sitz in Pforzheim. Kraus ist Experte für das Thema Künstliche Intelligenz (KI). Die werde die Welt in den kommenden 20 Jahren gewaltig verändern. Er macht jenen mehr als 200 Vertretern aus Wirtschaft und Politik Mut, die am Mittwoch in der ehemaligen Werkshalle „Teufelwerk“ Nagold zur Regionalkonferenz „Nordschwarzwald 2030+“ zusammenkommen, um im Schulterschluss eine Entwicklungsstrategie für die Region zu entwerfen. Das Treffen, initiiert von IHK, Wirtschaftsförderung WFG und Regionalverband, gilt als Auftakt für weitere Aktionen.

Kraus begreift die digitale Transformation „als Evolution mit weitreichenden Auswirkungen auf die Wertschöpfung der Zukunft“. Er prophezeit: „Unternehmen, die das Potenzial der neuen Technologien nicht voll ausschöpfen, verschwinden nach und nach vom Markt.“ Aber er macht auch deutlich: „Wenn sich ein Markt wandelt, dann ist alles möglich“, zum Beispiel Wachstumsraten von 50 bis 100 Prozent.

Was die Amerikaner erfolgreich antreibe, sei das sture Starren auf Profit. Soll ein neues Produkt auf den Markt gebracht werden, zähle einzig die Frage: Kann ich damit schnelles Geld machen. Die Chinesen hingegen seien von dem Ehrgeiz und „wahnsinnigen Willen“ besessen, an die Weltspitze zu gelangen. Mit Unterstützung der Regierung werde dabei alles aus dem Weg geräumt, was stört, „egal ob es Menschen sind oder Datenverordnungen“. Was ihnen jedoch fehle, das sei das kreative Element.

Das große Plus der hiesigen Unternehmen und ihrer Mitarbeiter sieht Kraus in ihrer Kultur, ihrer Innovationskraft und der Eigenschaft, neugierig zu sein. „Wir haben nicht die Angewohnheit nur das zu machen, was der Chef sagt.“ Zwar komme man mit Neugierde alleine nicht ans Ziel. Doch „die Kombination macht’s“, so Kraus. Soll heißen: Ein wenig von den USA, ein bisschen von China übernehmen, „ohne die eigenen Stärken zu vernachlässigen“. Zeit bleibe den Akteuren allerdings nicht – der Wandel rolle über alle Branchen hinweg. Die Notwendigkeit zu weitreichenden Veränderungen sieht er bei den Freiräumen für die Beschäftigten. Stichwort Fehlerkultur: Mitarbeiter sollen die Möglichkeit haben, Neues auszuprobieren – und dabei auch scheitern zu dürfen. Im eigenen Unternehmen hat er diese Kultur längst etabliert, mehr noch: In „Future-Days“ erarbeiten die Beschäftigten eigene Gedanken, in „Learning Days“ bilden sie sich in selbst bestimmten Bereichen weiter. „Es geht nicht darum, dass sich die Leute Wissen, sondern dass sie sich Fähigkeiten und Flexibilität aneignen.“ Wissen sei heutzutage im Internet abrufbar, meint der Pforzheimer Digitalexperte. Wichtiger sei: Entscheidungen treffen können und Dinge in die Tat umsetzen.

Das möchten auch die Initiatoren von „2030+“. Vor der Regionalkonferenz haben sich rund 150 Beteiligte auf sechs zukunftsträchtige Strategiefelder geeinigt. Diese sind: Fachkräfte ausbilden und gewinnen, Innovation und Wissenstransfer für kleine und mittlere Unternehmen stärken, Technologieführerschaft ausbauen, Natur und Stadt leben und erleben, moderne Infrastruktur ausbauen und die Region gemeinsam gestalten.

Jürgen Kurz, Vorsitzender des Regionalverbands, sagt, es komme nun darauf an, die Maßnahmen aus der Strategie mit Nachdruck und Entschiedenheit anzugehen. „Was der Region weiterhilft, das hilft letztlich dem Einzelnen.“ Das sieht Pforzheims Oberbürgermeister Peter Boch ähnlich: „Wir können Kräfte bündeln und Synergieeffekte nutzen.“ Für Enzkreis-Landrat Bastian Rosenau gewinnt die Region nur durch das Agieren im Schulterschluss.

IHK-Präsidentin Claudia Gläser sieht in der Qualifikation der Menschen eine der wichtigsten Grundlagen, um die Unternehmen nach vorne zu bringen, und fordert entsprechende Netzwerke. Helmut Riegger, Aufsichtsratschef der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald (WFG) und Calwer Landrat, appelliert, nur gemeinsam könnten die Herausforderungen im ländlichen Raum bewältigt werden. Professor Ulrich Jautz, Rektor der Hochschule Pforzheim, will nach der Konferenz nun die Theorie in die Praxis umgesetzt sehen. Und Staatssekretärin Katrin Schütz (CDU) vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium mahnt: „Unsere kleinen und mittleren Unternehmen dürfen von den spürbaren Transformationsprozessen nicht abgehängt werden.“ Das Ministerium hat der WFG deshalb einen Förderbetrag zugesichert, um die Firmen über das Projekt „RegioINNO“ fit zu machen für den Wandel.