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Im Ausbildungsbetrieb von Liwell: Valentina Patanella (rechts) und Helin Ugur frisieren ihre Kollegin für das Standesamt.  Foto: Moritz 
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Ausbilderin Rosella Krause kontrolliert jeden Haarschnitt auf Genauigkeit und gibt ihren Azubis Lob und Kritik.  Foto: Moritz 

Friseurmeister auf Nachwuchsjagd

Pforzheim. Haarstudios spüren den Fachkräftemangel. Das hat Konsequenzen. Ein Pforzheimer Betrieb zeigt sich dennoch optimistisch.

Der künftigen Braut ist die Aufregung kaum anzumerken. Sie sitzt ruhig auf dem Frisierstuhl, während Valentina Patanella und Helin Ugur Extensions in ihr Haar flechten, mit dem Lockenstab lockere Wellen eindrehen, um anschließend die Frisur mit einer Menge Haarspray zu fixieren. Die beiden jungen Frauen sind im ersten sowie zweiten Lehrjahr bei Liwell in Pforzheim – und dürfen im Ausbildungsbetrieb Young Talents bereits Kamm und Schere zücken. Nachwuchssorgen hat der Friseursalon nicht. Für das kommende Ausbildungsjahr haben sich bereits sieben junge Menschen gefunden. „Wir können uns nicht beschweren“, sagt Ausbildungsleiterin Rosella Krause. Drei weitere Plätze seien noch frei.

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Friseurmeister auf Nachwuchsjagd

Kleinere Friseurbetriebe haben dagegen weniger Glück. Sie bekommen den Fachkräftemangel zu spüren, bestätigt Brigitte Wiedermann auf PZ-Anfrage. Die Inhaberin des gleichnamigen Haarstudios in Wimsheim ist Leiterin der Überbetrieblichen Ausbildung bei der Friseurinnung Pforzheim. Die Nachfrage nach einer Ausbildung sinke. Hinzu komme die mittlerweile hohe Abbrecherquote. „Viele merken erst in der Ausbildung, wie die Bedingungen im Job aussehen“, sagt Wiedermann. Im ersten Ausbildungsjahr erhalten Auszubildende in der Regel keine Vergütung, denn die meiste Zeit verbringen sie in der Alfons-Kern-Schule, um Theorie zu pauken, nur an paar Tagen üben sie im Betrieb. Im zweiten Ausbildungsjahr gebe es dann 550 Euro brutto.

„Zu meiner Zeit hatten wir mehrere Berufsschulklassen“, sagt Krause. „Heute sind wir froh, wenn wir mit Mühe und Not eine Klasse fühlen.“ Für den Betrieb hat das oft Konsequenzen. Denn plötzlich fehle Personal, weil Azubis gleichzeitig Unterricht hätten.

Auch auf Bundesebene zeichnet sich dieser Trend ab. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Auszubildenden um 4,7 Prozent gefallen, teilte der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks kürzlich in Frankfurt mit. Bildeten die mehr als 80.000 Friseursalons hierzulande 2008 noch mehr als 40.000 Lehrlinge aus, hat sich die Zahl zehn Jahre später auf unter 21.000 fast halbiert.

„Nachwuchsgewinnung ist die drängendste Aufgabe unserer Branche“, betont Harald Esser, Präsident des Zentralverbands. Seit Jahren wollten immer weniger junge Leute den Beruf ergreifen. Da viele Schulabgänger lieber studierten, wachse die Konkurrenz im Handwerk. Im Ringen um Mitarbeiter müssen die Betriebe oft höhere Gehälter bieten – während die Branche zugleich gegen das Image anstrengender, aber schlecht entlohnter Arbeit in vielen Salons kämpft. Der harte Wettbewerb um Fachkräfte lasse die Personalkosten steigen, sagt Esser. Betriebe müssten höhere Lohnkosten weiterreichen und mehr für Haarschnitte, Rasuren oder Färbungen verlangen. Die Prognose: „Die Preise für Friseurdienstleistungen werden voraussichtlich weiter moderat steigen.“ 2017 waren die Preise laut einer Verbandsumfrage bereits um 2,2 Prozent geklettert. Frauen gaben demnach im Schnitt rund 53 Euro je Besuch aus. Männer investierten knapp 21 Euro.

Bei Liwell wurden die Preise aus diesem Grund nicht angehoben. Man überlege es sich. Aber die Konkurrenz der Barbershops, in denen oft keine ausgebildeten Friseure arbeiteten, mache es den Betrieben schwer, sagt Krause.

Gleichwohl bleibt der Beruf bei jungen Leuten durchaus angesagt – nicht nur bei Frauen: Gut jeder fünfte Auszubildende war 2018 männlich. Und vermehrt aus Ländern wie dem Irak oder dem Iran, wo der Friseurberuf männlich besetzt ist.

Einer von ihnen ist Nihan Arslan. Er befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr bei Liwell und schneidet bereits bei den Young Talents Kunden die Haare. „Ich kann mich hier ausprobieren“, sagt der 22-Jährige. Das sei für die Branche nicht selbstverständlich. Auch Patanella und Ugur schwärmen von der Verantwortung: „Es ist besser als nur zuzuschauen und Haare zu fegen.“

Die Ausbildung junger Menschen kostet. Doch die Investition zahle sich am Ende aus. Denn 90 Prozent der Azubis werden übernommen, die anderen wollen sich weiterbilden und machen ihren Meister. Vielleicht sei es gerade die Ausbildungsstätte, die bei Liwell bewirkt, dass der Fachkräftemangel nicht akut ist. „Wir sind froh, dass wir dieses System haben, weil wir immer Nachschub haben.“