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Goldschmiede bei der Arbeit – bei der Wahl ihrer Scheideanstalt sollten sie vorsichtig sein.
Goldschmiede bei der Arbeit – bei der Wahl ihrer Scheideanstalt sollten sie vorsichtig sein. © Frey/dpa -Archiv
17.12.2015

Goldschmiede bangen um ihre Existenz

Pforzheim. Es geht um viel Gold und zerstörtes Vertrauen. Dass eine Scheideanstalt pleitegehen könnte, hat keiner von ihnen erwartet. Bundesweit 611 kleine Goldschmiede und Juweliere zählen zu den Geschädigten der Insolvenz der Pforzheimer Traditionsfirma Carl Schaefer – einige von ihnen fürchten deshalb um ihre berufliche Existenz.

63 Mitarbeiter der Scheideanstalt verlieren Ende Januar ihren Arbeitsplatz. In der Scheideanstalt, die eigentlich schon seit einigen Jahren keine mehr war, gehen demnächst die Lichter aus. Geschieden wurde das Edelmetall zuletzt nämlich außer Haus bei einem großen Recyclingbetrieb, der heute zu den größten Gläubigern zählt.

Auch Vertreter des Finanzamts Pforzheim nehmen an der Gläubigerversammlung teil. Die Staatskasse fordert insgesamt 13 Millionen Euro Steuern vom insolventen Unternehmen – es werden wohl deutlich weniger werden. Die Verbindlichkeiten des Unternehmens überschreiten bei Weitem das Vermögen – allenfalls mit einer Insolvenzquote von 25 Prozent sei zu rechnen, machte gestern der Stuttgarter Insolvenzverwalter Dr. Wolfgang Bilgery bei der Gläubigerversammlung im Pforzheimer Amtsgericht deutlich.

Es könne mehrere Jahre dauern, bis das Verfahren abgeschlossen ist, ergänzt Rechtspfleger Gerd Ott. Die Gesichter der Gläubiger werden derweil immer länger. Unmut macht sich breit. „Banken und Versicherungen sind abgesichert. Die Kleinen gehen wieder mal leer aus“, klagt ein Goldschmied mit bayrischem Akzent. Er ist extra nach Pforzheim gekommen, um seine Forderungen anzumelden. Eine Kollegin gibt ihm recht. Sie hatte darauf vertraut, dass sie ihr bei Carl Schaefer angeliefertes Gold zeitnah zurückbekommt. Wie ihr ergeht es vielen im voll besetzten Gerichtssaal. Ein Geschäftsmann aus Heinsberg in Nordrhein-Westfalen will von Insolvenzverwalter Bilgery wissen, wo sein Altgold geblieben ist, das er kurz vor dem Insolvenzantrag angeliefert hatte. „Der Barren muss doch irgendwo zu finden sein.“ Fehlanzeige.

Rechtsanwalt Bilgery erklärt den Geschädigten die Besonderheiten des Goldgeschäfts. In dem Moment, wenn das eingesandte Edelmetall in der Scheideanstalt analysiert und bewertet wurde, geht es in deren Eigentum über. Der Lieferant erhält dafür eine Gutschrift entweder in Euro oder auf einem speziellen Edelmetallkonto. Im Fall einer Insolvenz schaut der Kunde dann in die Röhre, falls nicht mehr genügend Geld oder Gold vorhanden ist. Die Forderungen aus solchen Kundenkonten belaufen sich auf über sieben Millionen Euro.

Als Gründe für die Insolvenz nannte Bilgery massive Umsatzeinbrüche und Forderungsausfälle. Der Umsatz war von 414 Millionen Euro im Jahr 2012 auf 186 Millionen (2014) eingebrochen. Carl Schaefer schrieb rote Zahlen. Auch die Expansion mit ausländischen Tochterfirmen verursachte zusätzliche Millionen-Verluste.

Matthias Wolf, Geschäftsführer des Creditorenvereins (CV) Pforzheim, wurde gestern als zusätzliches Mitglied – neben der Sparkasse und Argor-Heraeus, die Hauptgläubiger im Verfahren sind – in den Gläubigerausschuss gewählt, um sich dort für die über 600 Geschädigten einzusetzen.

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