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Hat die Arbeitszeiten im Fokus: Der IG-Metall-Ortsvorstand (von links) mit Martin Kolb, Alexander Kröner, Paul Däschle, Erste Bevollmächtigte Liane Papaioannou, die Gewerkschaftssekretäre Arno Rastetter und Rolf Nutzenberger sowie die Betriebsräte Andreas Ahner und Dieter Kiesling.
Hat die Arbeitszeiten im Fokus: Der IG-Metall-Ortsvorstand (von links) mit Martin Kolb, Alexander Kröner, Paul Däschle, Erste Bevollmächtigte Liane Papaioannou, die Gewerkschaftssekretäre Arno Rastetter und Rolf Nutzenberger sowie die Betriebsräte Andreas Ahner und Dieter Kiesling.
26.07.2017

IG Metall fordert Flexibilisierung der Arbeitszeit

Pforzheim. Gewerkschaftssekretär Arno Rastetter beruhigt eingangs die Gemüter: die IG Metall werde im Januar nicht mit der Forderung nach einer 28-Stunden-Woche an der Start der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie gehen. Doch das Thema Flexibilisierung der Arbeitszeit werde eine ganz wichtige Rolle spielen. Und in der Region gibt es schon Betriebe, die Erfahrungen mit individuell reduzierten Wochenarbeitszeiten haben – etwa beim Autoklima-Spezialisten Mahle Behr in Mühlacker.

200 der 1500 Beschäftigten im Schichtdienst nutzen diese Möglichkeit – freilich ohne Lohnausgleich, wie Europabetriebsratsvorsitzender Dieter Kiesling einräumt.

Hintergrund ist die aktuelle Beschäftigtenbefragung der Gewerkschaft. Bundesweit mehr als 680 000 Beschäftigte in rund 7000 Betrieben wurden befragt. 4699 Mitarbeiter aus 72 Unternehmen in Pforzheim und dem Enzkreis haben sich daran beteiligt – die Hälfte davon Gewerkschaftsmitglieder, wie Liane Papaioannou, Erste Bevollmächtigte der IG Metall, anmerkt. Und die Ergebnisse sind gestern der Presse präsentiert worden. „Arbeitszeit ist ein zentraler Faktor für die Lebenszufriedenheit,“ so Papaioannou. Deshalb wollen viele Beschäftigte beruflich kürzertreten – um Angehörige zu pflegen oder sich von hoher Arbeitsbelastung zu erholen.

„Kurze Vollzeit“ nennt sich das Modell, wobei eine auf zwei Jahre befristete Absenkung auf 28 Wochenstunden möglich ist. Auffallend ist, dass 47 Prozent der Befragten mit ihrer Arbeitszeit zufrieden sind, weitere 22 Prozent antworteten mit „eher zufrieden“. Nur elf Prozent sind tatsächlich unzufrieden. Die relativ hohe Zufriedenheit sei Ausdruck einer erfolgreichen Arbeitszeitpolitik von IG Metall und Betriebsräten, sagt Papaioannou. Allerdings gebe es in den einzelnen Betrieben große Unterschiede, was die Zufriedenheit der Beschäftigten angeht.

„Die tatsächliche Arbeitszeit liegt deutlich höher als die vertraglich vereinbarte“, weiß die IG Metall-Chefin. Fast die Hälfte der Befragten arbeitet länger als 40 Stunden. Abweichungen nach oben gibt es in einigen metallverarbeitenden Betrieben, besonders aber im Kfz-Handwerk.

14 Prozent der Beschäftigten würden am liebsten zwischen 21 und 34 Stunden arbeiten. Nur vier Prozent haben bereits solche Arbeitszeiten. „Flexibilität ist keine Einbahnstraße“, macht Papaioannou deutlich. Was den Beschäftigten als Gegenleistung für ihre Flexibilität wichtig ist, sei die Möglichkeit, Überstunden auch kurzfristig abfeiern zu können. Interesse an kürzeren Arbeitszeiten hätten auch die Beschäftigten bei Wisi in Niefern und Sihn in Mühlacker, betonen die Betriebsratsvorsitzenden Martin Kolb und Andreas Ahner. „Wir sind auf einem guten Weg.“

Bei Elumatec in Mühlacker-Lomersheim wurde ein entsprechender Tarifvertrag vereinbart, der die schrittweise Absenkung von derzeit 40 auf 37,5 Wochenstunden bis 2020 vorsieht.

„Überstunden sind sozialversicherungspflichtig“, ergänzt Gewerkschaftssekretär Rolf Nutzenberger. Das gelte auch für unbezahlte Mehrarbeit. Bundesweit wird die Zahl der Überstunden auf eine Million pro Jahr geschätzt.