nach oben
Keine Angst vor der Digitalisierung haben (von links) DGB-Landesvorsitzender Martin Kunzmann, Unternehmer Axel Pfrommer, Liane Papaioannou (IG Metall Pforzheim) und Gewerkschafts-Chef Jörg Hofmann. Foto: Meyer
Keine Angst vor der Digitalisierung haben (von links) DGB-Landesvorsitzender Martin Kunzmann, Unternehmer Axel Pfrommer, Liane Papaioannou (IG Metall Pforzheim) und Gewerkschafts-Chef Jörg Hofmann. Foto: Meyer
Die Firmen Inovan, Les Atelier Bijoux, OBE und G.RAU öffneten für den Digitalisierungs-Kongress der IG Metall ihre Fabriktore. Hier ein Blick in die Halbzeug-Produktion bei G.RAU. Foto: Meyer
Die Firmen Inovan, Les Atelier Bijoux, OBE und G.RAU öffneten für den Digitalisierungs-Kongress der IG Metall ihre Fabriktore. Hier ein Blick in die Halbzeug-Produktion bei G.RAU. Foto: Meyer
27.09.2017

IG Metall zur Digitalisierung: Ohne Qualifizierung droht Jobverlust

Pforzheim. Die Pforzheimer Traditionsindustrien haben einen dramatischen Strukturwandel hinter sich. Dies war für die IG Metall auch der Grund, sich im Rahmen der Feierlichkeiten „250 Jahre Schmuck und Uhren“ mit den anstehenden Veränderungsprozessen in der Arbeitswelt auseinanderzusetzen. Die Digitalisierung sei Herausforderung und Chance zugleich, machte Liane Papaioannou, erste Bevollmächtigte der IG Metall Pforzheim, gestern vor Unternehmern und Betriebsräten in der Medizintechnik-Firma Admedes deutlich.

Aus der regionalen Schmuck- und Uhrenproduktion sind viele Unternehmen der Stanz- und Medizintechnik entstanden – auch die Firma G.RAU, die vor 140 Jahren gegründet wurde. Zur G.RAU-Gruppe mit über 1200 Mitarbeitern gehört auch Admedes.

„Digitalisierung bedeutet nicht nur, dass der Kühlschrank selbstständig fehlende Milch nachbestellt“, betonte Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall in Deutschland. Dass die vernetzte Welt noch längst nicht reibungslos funktioniert, „zumindest nicht bei der Deutschen Bahn“, erlebte der Gewerkschaftschef gestern bei der Anreise aus Stuttgart. Der gebuchte Zug fiel aus – Hofmann kam zu spät.

In der betrieblichen Praxis dürften die Auswirkungen der Digitalisierung wesentlich dramatischer ausfallen. Darin sind sich die Experten einig. „Viele Arbeitsplätze werden künftig wegfallen“, erklärte Professor Wilhelm Bauer, Leiter des Stuttgarter Fraunhofer- Instituts. Doch es werden auch etliche neue Tätigkeiten entstehen. „Fortschritt macht nicht arbeitslos“, versicherte der Wissenschaftler im Blick auf eine anderslautende Schlagzeile des „Spiegel“ im Jahr 1976. Das Fraunhofer-Institut hat die Szenerien der neuen Arbeitswelt in seinem Future-Work-Lab dargestellt. Sagen uns intelligente Maschinen künftig, was zu tun ist? Geben sie den Takt vor? Oder bestimmen Menschen weiterhin die Abläufe und werden durch Maschinen optimal in ihrer Arbeit unterstützt? Letzteres glaubt zumindest Professor Bauer. Materialfluss und ganze Produktionsabläufe könnten künftig bequem mit der Smartwatch gesteuert und überwacht werden. Die ergonomischen Arbeitsplätze reagieren auf den Benutzer, passen sich dessen persönlichen Profilen an. Die neuen Technologien bieten nicht nur die Chance, schneller, besser und motivierender zu produzieren, sondern bringen auch neue Geschäftsmodelle mit sich, so Bauer. Die cloudbasierte IT-Plattform „Virtual Fort Knox“ mache Produktionsdaten und IT-Services über Apps für beliebig viele Endgeräte nutzbar. Kooperationen zwischen verschiedenen Unternehmen würden erleichtert.

„Als Geschäftsleitung und Betriebsrat wollen wir uns das Future-Work-Lab in Stuttgart-Vaihingen unbedingt besichtigen“, sagte Axel Pfrommer, geschäftsführender Gesellschafter der G.RAU-Gruppe nach dem Vortrag. Die Möglichkeiten von Industrie 4.0 seien gewaltig, würden aber im Mittelstand noch zu wenig erkannt, resümierte Bauer.

Gewerkschafts-Chef Hofmann wünscht sich mehr Qualifizierung in den Betrieben, um besonders die an- und ungelernten Mitarbeiter fit für die digitale Zukunft zu machen. Die tariflichen Regeln müssten auch in der neuen Arbeitswelt gelten. Der Angstschweiß steht ihm dabei nicht auf der Stirn. „Industrielle Revolutionen kommen und gehen. Wir haben alle vier überstanden“, sagte er mit Blick auf die 125-jährige Geschichte der IG Metall.