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Burkhard Thost
Burkhard Thost
29.12.2015

IHK-Chef: „Sanktionen überdenken“

Pforzheim/Moskau. „Auch die schönsten Weihnachtsmärkte rund um den Roten Platz in Moskau können mit ihrem Licht nicht über getrübte Wirtschaftsausblicke 2016 hinwegtäuschen“, sagt Burkhard Thost, Präsident der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald (Foto) nach dem Jahrestreffen der Wirtschaft im Präsidialrat der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.

Die gerade nochmals verlängerten Sanktionen zeigten kaum die gewünschte politische Wirkung – um so mehr treffen sie die Wirtschaft und besonders den deutsch-russischen Geschäftsverlauf, berichtet Thost über die Einschätzung deutscher Unternehmen in Russland. Mehr als zwei Drittel der 6000 deutschen Unternehmen in Russland sehen sich wirtschaftlich betroffen.

Stärkste Auswirkungen zeigten die Finanzmarktsanktionen, die sich über die Dauer stetig verstärken: keine neuen Handelskredite, keine Kredite bei russischen Banken, geringe Finanzmittel in der Privatwirtschaft und eingeschränkte Finanzierung der öffentlichen Hand – im Ergebnis deutliche Auftragsrückgänge. Darüber hinaus lässt der fallende Ölpreis die Einnahmen dramatisch schrumpfen. Zudem verteuert die Rubelabwertung des vergangenen Jahres die Importe um über 40 Prozent – schlechte Aussichten für den Export 2016.

Die Wirtschaft blickt aber nicht nur auf die Sanktionen: Immer noch werden fehlende Reformen und hemmender Staatseinfluss im veralteten Wirtschaftsmodell beklagt und als gewichtiges langfristiges Wirtschaftshemmnis gesehen. Bei alledem berichtet Thost aber auch von spürbar positiven Entwicklungen, die gerade deutsche Firmen nicht übersehen sollten: Verbesserung im Ranking der Weltbank „ease of doing business“ auf Platz 51 – das ist auch im täglichen Geschäft spürbar und innerhalb der BRIC-Staaten mit Abstand der beste Wert (BRIC – Brasilien, Russland, Indien und China). Vor allem in den Regionen und Sonderwirtschaftszonen gebe es gute Investitionsbedingungen. Deutlicher Trend zur Förderung der Lokalisierung von Produktion und Dienstleistungen. „Hier sind deutsche Partner mit ihrer Technologie, aber auch wegen des langjährigen guten und gegenseitigen Verständnisses besonders willkommen“, erläutert Thost. Einer Hinwendung Russlands nach China sei trotz einiger spektakulärer Projekte eher Ernüchterung gefolgt. Nach langen Verhandlungen sei die „Deutsche Initiative für Hochgeschwindigkeitsverkehr“ am Bahnprojekt Moskau nach Kazan beteiligt. Auch wenn heute noch Fachkräfte und verlässliche Lieferketten fehlten, die „national“ betonte, politisch gewollte und volkswirtschaftlich dringend notwendige Lokalisierung sei spürbar auf dem Weg. Die Erwartung strategischer, profitabler Perspektiven auf lange Sicht hält die Kenner des russischen Marktes, darunter auch deutsche Unternehmen, in Russland, analysiert Thost als Mitglied des Präsidialrats der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau. Und eine junge, gut ausgebildete Generation von Ingenieuren und Wirtschaftlern mit selbstverständlichen Fremdsprachenkenntnissen und marktwirtschaftlichen Erwartungen biete gute Ausgangspositionen – wie Burkhard Thost aus seinem eigenen Unternehmen (seit zehn Jahren in Russland tätig) zu berichten weiß.

Seit dem Beginn der Sanktionen sind die Handelsbeziehungen mit Russland um die Hälfte zurückgegangen. 2016 werde erneut ein schwieriges Jahr für die russische Wirtschaft mit weiterem Rückgang – und doch seien Perspektiven erkennbar: Thost sieht gute Chancen, die Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft, insbesondere mit dem Maschinen- und Anlagenbau der Region Nordschwarzwald langfristig wiederzubeleben. „Die deutsche Wirtschaft wendet sich an die Politik, Russland wieder als strategischen Wirtschaftsposten zu definieren und die Sanktionen zu überdenken“, so der IHK-Präsident. pm