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Der Aufschwung Ost gewinnt an Fahrt – allerdings mangelt es auch den neuen Bundesländern an Fachkräften. Foto: dpa
Der Aufschwung Ost gewinnt an Fahrt – allerdings mangelt es auch den neuen Bundesländern an Fachkräften. Foto: dpa
04.01.2017

Im Osten plötzlich Aufstiegschancen durch demografischen Wandel

Erfurt. Im Jahr 2016 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit von gestern bundesweit durchschnittlich 2,691 Millionen Menschen arbeitslos – und damit 104 000 weniger als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote sank auf 6,1 Prozent – ein 25-Jahres-Tief. Hunderttausende neue, sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden in den vergangenen zehn Jahren zwischen Ostsee und Erzgebirge.

Von Gießen, Hildesheim oder Bochum für einen interessanten Job nach Dresden, Jena oder Rostock umziehen? Michael Behr hofft auf eine solche West-Ost-Wanderung. „Hier werden bald unglaublich viele Posten bei Mittelständlern neu besetzt. Ostdeutschland wird zur Region der schnellen Karrieren“, glaubt der Soziologieprofessor und Arbeitsmarktexperte.

Die Arbeitslosenquote liegt nicht mehr fast doppelt so hoch, sondern mit acht Prozent im Dezember nur noch einige Prozentpunkte über dem westdeutschen Schnitt von 5,3 Prozent. Mehr noch: In Thüringen, dem Arbeitsmarktprimus im Osten, ist die Arbeitslosigkeit mit 6,3 Prozent nach den Statistiken der Bundesagentur erneut geringer als in Bremen, Hamburg, dem Saarland und Nordrhein-Westfalen.

Thüringens südliche Spitze zu Bayern, traditionell eine Pendlerregion, liegt im Dezember mit einer Quote von 3,5 Prozent nahe an der Vollbeschäftigung. Auch in den anderen neuen Ländern ist der Arbeitsmarkttrend positiv, allerdings mit großen Unterschieden – von 9,4 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bis 6,9 Prozent Arbeitslosigkeit in Sachsen.

„Unternehmen suchen händeringend gut ausgebildete und flexible Fachkräfte“, sagt der Chef der Landesarbeitsagentur Sachsen-Anhalt-Thüringen, Kay Senius. Manche sprechen bereits von einer „Besetzungsnot“. Auch sehen sich viele Nachwende-Gründer für ihre mittelständischen Betriebe nach Nachfolgern um. „Wenn man nur die Entwicklung der Arbeitslosenquote betrachtet, ist es ein großer Erfolg“, so Senius. „Aber es ist falsch, daraus zu schließen, der Arbeitsmarkt ist ohne Probleme. Es gibt erhebliche Risiken. „Es gehen seit Jahren mehr Menschen in Rente als junge Leute ins Arbeitsleben kommen.“

Die Massenarbeitslosigkeit nach dem Strukturwandel in den 1990er-Jahren führte zur massenhaften Abwanderung qualifizierter und vor allem junger Ostdeutscher. Nun sind die Folgen spürbar: Etwa jeder dritte Arbeitnehmer im Osten ist älter als 50 Jahre, sagen Untersuchungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesarbeitsagentur. Und der Anteil der Betriebe mit unbesetzten Ausbildungsplätzen ist im Osten fast doppelt so hoch wie im Westen.

Bis zum Jahr 2035 wird die Zahl der Erwerbsfähigen allein in Thüringen um 29 Prozent schrumpfen, schätzt das Institut.