nach oben
Studie zu den Auswirkungen „Industrie 4.0“ im Fokus (von links): Martin Kolb, Caroline Loesgen, Martin Kunzmann, Sylvia Stieler, Arno Rastetter und Alexander Kröger.   Foto: Ketterl
Studie zu den Auswirkungen „Industrie 4.0“ im Fokus (von links): Martin Kolb, Caroline Loesgen, Martin Kunzmann, Sylvia Stieler, Arno Rastetter und Alexander Kröger. Foto: Ketterl
20.11.2015

Industrie verliert Arbeitsplätze - Strukturwandel in Pforzheim

Auf den ersten Blick fällt die Entwicklung positiv aus: Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist in der Goldstadt seit 2007 um 12,5 Prozent auf 55.453 gestiegen. Doch bei aller Freude über mehr Jobs warnt Martin Kunzmann, Chef der IG Metall, vor allzu großer Zufriedenheit. Denn wenn man nur die Zahl der gewerblichen Arbeitsplätzen mit ihrer hohen Wertschöpfung betrachtet, fällt die Entwicklung rückläufig aus. Auch der Enzkreis ist vom Beschäftigungsabbau (minus 2,1 Prozent) betroffen. Gestiegen ist lediglich die Zahl von Teilzeitkräften und Jobs in der Dienstleistung.

Für die Metall- und Elektroindustrie schlägt Kunzmann sogar Alarm: „Bei der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, optischen und elektronischen Erzeugnissen betrug der Beschäftigungsabbau 27 Prozent.“ Konzerne wie Thales und Mahle Behr haben der Goldstadt zuletzt den Rücken gekehrt. Dass unter dem Strich lediglich ein gewerblicher Arbeitsplatzverlust von 1,2 Prozent steht, liegt an der starken Konjunktur in der Stanztechnik sowie dem Maschinen- und Werkzeugbau.

Blickt man noch weiter zurück – nämlich ins Jahr 1990 – so sind in Pforzheim und dem Enzkreis seither 33 große Betriebe der Schmuckindustrie mit 9000 Beschäftigten verschwunden.

Wie wirkt sich ein solcher Strukturwandel auf die Beschäftigung, die regionale Brutto-Wertschöpfung und die Kaufkraft aus? Antworten auf diese Fragen gibt eine aktuelle Untersuchung des IMU Instituts Stuttgart, die von der IG Metall und dem Verein für Umwelt Technik und Arbeit (UTA) in Auftrag gegeben wurde. „Die Ergebnisse sollen die Diskussion mit allen Akteuren der regionalen Strukturpolitik anregen“, erläutert Sylvia Stieler vom IMU-Institut. Gestern waren im Kulturhaus Osterfeld zunächst die Betriebsräte aus führenden Unternehmen der Elektro- und Metallindustrie gefordert. Die Arbeitnehmervertreter spüren die Herausforderungen im Rahmen der digitalen Revolution „Industrie 4.0“ hautnah.

Noch mehr einfache Arbeitsplätze werden wegfallen. Kollege Roboter übernimmt immer mehr Aufgaben. „Der Trend geht jetzt schon zu kleineren Stückzahlen in der Produktion“, erläutert Betriebsratsvorsitzende Caroline Loesgen von Pentair (vormals Schroff) in Straubenhardt. Das erfordere längere Rüstzeiten für die komplizierten Anlagen und den vermehrten Einsatz von Facharbeitern. Auch im Büro und in der Kons-truktion werde kräftig rationalisiert.

Gewerkschaftssekretär Arno Rastetter forderte eine vorausschauende Gewerbepolitik. Während viele Leerstände in ehemaligen Schmuckfabriken ungenutzt seien, habe die Stadt Pforzheim die knappen Gewerbeflächen einem Online-Versender überlassen. Auch das Management agiere nicht immer vorausschauend, kritisiert Kunzmann. Der US-Konzern Harman habe bei seiner deutschen Tochterfirma Harman Becker in Ittersbach 600 Arbeitsplätze abgebaut und die Produktion nach Ungarn verlagert. „Jetzt fehlen plötzlich 100 Ingenieure.“

Betriebliche Qualifikation werde immer wichtiger, um Arbeitsplätze zu sichern, ergänzt Alexander Kröner, Betriebsratsvorsitzender von G. Rau in Pforzheim. Lebenslanges Lernen sei angesagt. „Es wird weiter rationalisiert und der Softwareanteil an den gefertigten Komponenten steigt“, berichtet Martin Kolb, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Wisi in Niefern. „Kopf- und Handarbeit verschmelzen immer mehr.“

Heilbronn liegt vorne

Im Landesvergleich hat Heilbronn die höchste regionale Bruttowertschöpfung mit 91 798 Euro und einem Anteil des verarbeitenden Gewerbes von 47 Prozent. Pforzheim liegt mit 64 300 Euro deutlich hinter Karlsruhe. Der Enzkreis kommt auf 65.170 Euro. Die niedrigsten Werte in Baden-Württemberg haben jedoch Freiburg (57.992 Euro) und Konstanz (57.153 Euro). Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes liegt in der Goldstadt bei 31,6 Prozent. Allerdings wohnen viele dieser Arbeitnehmer im Enzkreis, was erklärt, dass dort das Pro-Kopf-Einkommen mit 28.300 Euro deutlich höher liegt als in Pforzheim (23.600 Euro).

Leserkommentare (0)