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Klare Vorstellungen: Rutronik-Chef Thomas Rudel verlangt von seinen Mitarbeitern absolute Loyalität  Ketterl
Klare Vorstellungen: Rutronik-Chef Thomas Rudel verlangt von seinen Mitarbeitern absolute Loyalität Ketterl
Zu Gast bei Thomas Rudel im Ispringer Firmensitz: Thomas Satinsky, Geschäftsführender Verleger, und PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht (links).
Zu Gast bei Thomas Rudel im Ispringer Firmensitz: Thomas Satinsky, Geschäftsführender Verleger, und PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht (links).
03.12.2016

Interview mit Thomas Rudel: „Neid muss man sich erarbeiten“

Dieses Unternehmen ist ein Aushängeschild der Region: Rutronik. 1400 Mitarbeiter, mehr als 800 Millionen Jahresumsatz – und wer steckt hinter dieser Erfolgsstory? Thomas Rudel. Rudel, in seiner Freizeit ein begeisterter Rennfahrer, ist ein Vollgas-Unternehmer, der genau weiß, wie er den Erfolg weiterentwickeln muss, den sein Vater Helmut Rudel über Jahrzehnte hinweg begründet hat. Worauf es dem Vorsitzenden Geschäftsführer dabei ankommt, verrät er im Gespräch mit der „Pforzheimer Zeitung“.

PZ: Herr Rudel, was zeichnet einen erfolgreichen mittelständischen Betrieb und Arbeitgeber aus?

Thomas Rudel: Der Wille aller im Betrieb, Höchstleistungen zu bringen. Also der Wille zum Erfolg. Dazu gehört Mut gepaart mit wirtschaftlich-verantwortungsvoller Umsicht. Wir investieren viel in die Ausbildung unserer Mitarbeiter, in unsere IT, um Prozesse zum Kunden optimal zu steuern, in neue Märkte wie dieses Jahr in die USA – doch wir achten auch auf eine hohe Eigenkapitalquote, damit wir in Krisenzeiten handlungsfähig und unabhängig bleiben.

PZ: Die Erfolgsgeschichte von Rutronik ist irgendwie typisch für die badisch-schwäbische Mentalität. Um erfolgreich zu sein, braucht es Führung. Wie würden Sie Führung im Betrieb definieren?

Unsere Mitarbeiter haben ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Freiheiten, wie sie ihre Projekte bearbeiten. Unser Entlohnungssystem sieht vor, dass Leistung belohnt wird. Doch unser schnelles und erfolgreiches Wachstum fordert auch seinen Tribut. Dazu kommt der Generationswechsel. Mein Vater, der Firmengründer hat einen ganz anderen Führungsstil als ich. Begriffe wie Work-Life-Balance gab es früher nicht. Auch für mich ist es ein Lernprozess, dass Mitarbeiter heute nicht mehr Schlange stehen, sondern wir uns um sie bemühen. Das erfordert ein modernes Management mit ausgeprägten sozialen Kompetenzen. Wir haben festgestellt, dass wir Führungskräfte durch unser schnelles Wachstum den Kontakt zu den Mitarbeitern teilweise vernachlässigt haben. Deswegen starteten wir letztes Jahr das Projekt Rutronik Leadership. Ein Qualifizierungsprogramm, was uns unterstützt, als Führungskräfte besser zu werden – besser zu kommunizieren beispielsweise. Ich habe auch eine eigens dafür geschaffene Position – einen internen Kommunikationsmanager – freigegeben. Die Person hat als Aufgabe, ein Kommunikationsmanagement aufzusetzen und die Mitarbeiter über laufende Projekte, aktuelle wirtschaftliche Lage und so weiter zu informieren.

PZ: Eine wesentliche Basis des Erfolges ist gegenseitiges Vertrauen, also das Vertrauen der Arbeitnehmer in den Arbeitgeber und umgekehrt. Welche wichtigen Faktoren müssen da zusammenkommen?

Wir können mit Stolz sagen, dass wir einen sicheren Arbeitsplatz bieten. Wir haben sehr viele, sehr langjährige Mitarbeiter, 20 Jahre sind keine Seltenheit. Das typische Hire-and-Fire von amerikanischen Konzernen ist uns fremd. Wir sichern uns den Nachwuchs mit einem exzellenten Ausbildungsprogramm. Wir bieten Mitarbeitern Entwicklungschancen – im In- und Ausland. Als Familienunternehmen setzen wir uns für unser Mitarbeiter ein – sei es, um sie in schwierigen Zeiten zu unterstützen oder ihnen dabei zu helfen, sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln. Als eine Mitarbeiterin zum Beispiel auf mich zukam, weil ihr Vater in Spanien sehr krank ist und sie ihn die letzten Monate begleiten wollte, setzte ich mich persönlich dafür ein, dass sie schnell und unkompliziert in unserer spanischen Niederlassung beschäftigt werden konnte. Dafür erwarte ich Loyalität und Integrität. Wenn jemand unser Vertrauen beispielsweise durch Missbrauch hintergeht, fühle ich mich persönlich angegriffen. Dann kann ich auch schonmal emotional reagieren.

PZ: Rutronik ist sehr erfolgreich und stetig gewachsen. Wie geht das in einer Zeit, in der alle Welt nur noch von digitalen Geschäften, Google oder Facebook redet?

Rutronik bedient einen Zukunftsmarkt. Mit der Digitalisierung gehen mehr kompliziertere elektronische Bauteile einher. Denken Sie nur an Begriffe wie Internet of Things – überall Bauteile drin. Selbstfahrende Autos – fahren auch nur dank elektronischer Bauteile. Wir haben eine strategische Produkt-Marketingabteilung, die sich genau mit diesen Änderungen im Markt und in der Kommunikation beschäftigt. Darüber hinaus bieten wir mit Rutronik 24 selbst eine Plattform für unsere Kunden an.

PZ: Wie definieren Sie den Faktor Mensch in Ihrer Firma?

Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen. Unsere Mitarbeiter sind der wichtigste Faktor. Geht es ihnen gut, fühlen sich unsere Kunden wohl. Deswegen legen wir seit Jahren großen Wert auf umfangreiche Sozialleistungen. Zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle, psychologische Beratung, Physiotherapeut, Betriebssportgruppen, beliebte Mitarbeiterevents wie der Adventsmarkt auf dem Parkplatz, umfangreiche Fort- und Weiterbildungsangebote. Rutronik steht damit als mittelständisches Unternehmen in nichts dem Angebot großer Konzerne nach.

PZ: Schätzen Sie Kritik?

Ja. Ich nehme Kritik ernst und reflektiere. Ich freue mich, dass insbesondere die neuen Führungskräfte sich nicht scheuen, mir kritische Fragen zu stellen oder Anweisungen zu hinterfragen. Ich wünsche mir mehr davon. Schließlich kann man sich nur durch Kritik verbessern. Deswegen ist es mein Ziel, bei Rutronik eine offene Feedbackkultur zu etablieren.

PZ: Wer in Ihrer Firma darf Sie kritisieren?

Jeder. Wir sind immer noch ein Familienunternehmen. Meine Tür steht allen offen. Ich erwarte dann aber auch konstruktive Kritik, also lösungsorientiert. Was ich nicht mag, sind Schuldzuweisungen oder Anschwärzereien – das, was Rutronik groß gemacht hat, ist der gemeinsame Geist – der Wille, erfolgreich zu sein. Also in Lösungen zu denken, nicht in Problemen. Dazu gehört, dass wir letztes Jahr die systematische, effiziente und nachhaltige Umsetzung von Projekten der Kontinuierlichen Verbesserungsprozessen (KVP) eingeführt hatten. Alle Mitarbeiter sind aufgerufen, Verbesserungsvorschläge einzureichen. Da sind auch direkt Themen an mich adressiert dabei.

PZ: Was würden Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Sie als Chef sagen?

Darauf bin ich schon gespannt. Wir haben gerade ein umfangreiches Projekt gestartet, bei dem unsere Mitarbeiter allen Führungskräften ein Feedback geben. Wir wollen wissen, wo wir besser werden können, welche Führungskompetenzen weiter entwickelt werden müssen. Das Top-Management ist darin eingeschlossen. Kommen Sie gerne im Januar wieder, dann kann ich Ihnen Konkretes sagen.

PZ: Rutronik tritt nach außen selten in der Region Nordschwarzwald auf. Liegt das in der Bescheidenheit der Unternehmensführung?

Nein. Wir hatten einfach andere Prioritäten. Die Geschäftsentwicklung stand im Vordergrund und damit in erster Linie die direkte Kommunikation mit unseren Geschäftspartnern. Wir ändern aber gerade unser Kommunikationsverhalten nach außen. Sonst säßen wir drei nicht zusammen. Wir wissen, dass heute das Image eines Unternehmens wichtig ist – gerade im Hinblick auf die Sozialen Medien – in denen in Sekunden Informationen gestreut sind. Wir haben dazu unsere Kommunikationsabteilung neu aufgestellt.

PZ: Wie würden Sie Ihre Firma als Marke definieren?

Rutronik ist ein gesundes, global wachsendes, stabiles Unternehmen mit großartigen Zukunftsaussichten.

PZ: Viele Menschen interessieren sich für bunte Lebensläufe, für Stars oder ungewöhnliche Karrieren. Manchmal schwingt im Interesse der Menschen nicht nur Bewunderung für erfolgreiche Menschen, sondern auch Neid mit. Verstehen Sie das?

Ja, Neid entsteht, wenn Menschen etwas an andern sehen, was sie selbst gerne hätten. Ich nehme das sportlich. Neid muss man sich schließlich erarbeiten.