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Von wegen Politikverdrossenheit: Das Interesse im PZ-Autorenforum ist groß, obwohl die Botschaft mies ist: „Game over“ – das Spiel für den Westen ist aus.  Ketterl
Von wegen Politikverdrossenheit: Das Interesse im PZ-Autorenforum ist groß, obwohl die Botschaft mies ist: „Game over“ – das Spiel für den Westen ist aus. Ketterl
Nachdenklich: Hans-Peter Martin.
Nachdenklich: Hans-Peter Martin.
17.01.2019

Journalist Hans-Peter Martin gewährt im proppenvollen PZ-Autorenforum einen Blick durchs Schlüsselloch

Pforzheim. Als ehemaliger Spiegel-Journalist und heutiger Bestsellerautor im Sachbuchbereich genießt Hans-Peter Martin einen hervorragenden Ruf. Das bringt Kontakte – bis in höchste Gesellschaftsschichten. Von jenen berichtet der Österreicher gleich zur Eröffnung der Vorstellung seines Buches „Game over“ im proppenvollen PZ-Autorenforum am Dienstagabend – und gewährt dem „normalen“ Pforzheimer Bürger damit einen Blick durchs Schlüsselloch.

Und der staunt nicht schlecht, wenn er hört, dass sich Topmanager in der Automobilbranche mit ihren jährlichen zweistelligen Millionengehältern bitterlich beklagen, wenn sie keine zusätzlichen Boni erhalten; wenn Vorstände großer Banken Pläne schmieden, die Hälfte des Personals einzusparen und durch Computer zu ersetzen; wenn Großinvestoren darüber sinnieren, Hartz-IV-Empfänger aus ihren vier Wänden zu werfen, um Sozialwohnungsblöcke zu gewinnbringenden Immobilien sanieren zu können.

Die Reichen bleiben unter sich

Martins Fazit: Die Reichen, das oberste Prozent, hat sich sowohl von der Realität als auch von der Gesellschaft verabschiedet. „Sie wollen den Dialog mit uns nicht mehr, sie haben sich unter ihresgleichen zurückgezogen – und das ist fatal für den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft“, konstatiert der 61-Jährige. Immer mehr Vermögen konzentriere sich in den Händen von immer weniger Menschen, beobachtet Martin seit Jahren.

Einen der Gründe hierfür sieht er in der Finanzkrise von 2008, die schlecht gemanagt worden sei: nämlich auf Kosten der Allgemeinheit. Wer damals genug „Spielgeld“ hatte, konnte billig Wohnungen kaufen und großflächig im Aktienmarkt investieren mit der Folge eines extremen Vermögenszuwachses binnen kürzester Zeit. Wer kein Spielgeld besaß, der zahle heute die Zeche der Finanzkrise in Form von null Zinsen für sein Sparkonto oder die Lebensversicherung. Es ist diese soziale Ungleichheit, – laut Martin so groß wie nie zuvor – die den Deutschen und dem gesamten Westen den Garaus machen wird, prophezeit der Journalist. „Game over“ eben, das Spiel ist aus, „der wirtschaftliche Abschwung kommt“, ist er sich sicher. Denn zu diesen nationalen Verwerfungen kämen die Folgen der ungeregelten Globalisierung noch obendrauf. Der Handelskrieg zwischen den USA und China etwa, dessen Auswirkungen in den nächsten ein bis zwei Jahren in Deutschland voll durchschlagen würden, sagt Martin.

Überhaupt: China. Das Reich der Mitte ist für ihn der große globale Gewinner des internationalen Freihandels. Seit der Aufnahme des Landes in die Welthandelsorganisation im Jahr 2001 bastelten die Chinesen kontinuierlich an ihrer Strategie, die Welt zu beherrschen – wirtschaftlich und politisch. „Und man lässt sie einfach machen“, beklagt Martin. Der Großteil der Produktion großer hiesiger Wirtschaftsbranchen – man nehme nur die Autoindustrie – finde in China statt. „Westliche Manager reisen daher in Scharen nach Peking und machen dort den Kotau“, beobachtet der Autor. Die USA ziehe sich unter Präsident Trump immer mehr auf nationale Interessen zurück und spiele damit China geostrategisch voll in die Hände. „Die wirtschaftliche Abhängigkeit des Westens von China ist schon groß und wird immer größer“, so Martin. Das Reich der Mitte sei bereits der zweitwichtigste Außenhandelspartner Deutschlands, nach den USA.

„Mit diesem Machtfaktor exportieren die Chinesen auch ihr Gesellschaftssystem in den Westen“, das Sozialkredit-System. Es bewertet den Ruf von Bürgern, Firmen und Organisationen, indem es auf Datenbanken zurückgreift, die Auskunft geben über Kreditwürdigkeit, Strafregister, soziales und politische Verhalten. „China ist zu einer aggressiven Macht geworden, der wir uns entgegenstellen müssen“, so Martin.

Das dürfte umso schwerer werden, als „das System des Westens, die liberale Demokratie, versagt hat. Sie ist eine Fehlkonstruktion“, behauptet er und untermauert seine These, indem er den Ist-Zustand wie folgt beschreibt: extreme soziale Ungleichheit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Wohnungsmangel, Reiche, die kaum Steuern zahlten, Politiker, die einen völlig überzogenen Neoliberalismus praktizierten, Korruption. Die Folge: „Immer mehr junge, vermögende und gebildete Menschen wenden sich ab von der liberalen Demokratie“, so Martin. Als Beleg dafür verweist er auf Staaten wie Ungarn, „in denen der Ministerpräsident bei öffentlichen Veranstaltungen ungeniert gegen Ausländer hetzt und die Jugend zum Kampf für die Heimat aufruft“.

Im PZ-Forum ist es inzwischen merklich still geworden, ob des düsteren Szenarios, das Martin für uns Westeuropäer entwirft, bis dieser Satz kommt: „Ich bin ein Pessimist, der aber durch noch Hoffnung hat“. Martin spricht ihn nach rund 60 Minuten aus, um – leider nur ganz kurz – seine drei Lösungen zu präsentieren:

Ein weitaus vorsichtigerer Umgang jedes Einzelnen mit seinen Daten im Internet.

Statt einer liberalen wieder eine sozialliberale Demokratie einzuführen, wenn nicht sogar eine ganz andere Staatsform wie die der gelosten Bürgerräte, bei der eine repräsentative Zahl an Einwohnern für einen klar begrenzten Zeitraum in einen Bürgerrat gewählt wird, der die politischen Entscheidungen trifft.

Der eindringliche Appell an alle: Politisiert euch!