nach oben
So schlecht wie der Pforzheimer Arbeitsmarkt oft dargestellt wird, ist er gar nicht, hat Jürgen Schwab im PZ-Gespräch erklärt.
So schlecht wie der Pforzheimer Arbeitsmarkt oft dargestellt wird, ist er gar nicht, hat Jürgen Schwab im PZ-Gespräch erklärt.
13.08.2015

Jürgen Schwab scheidet im November als Chef der Agentur für Arbeit aus

Er brauchte für seinen letzten Job jede Menge „interkulturelle Kompetenz“: Als Jürgen Schwab im Mai 2012 den Chefsessel der Arbeitsagentur in Nagold übernahm, war klar, dass er von dort aus auch die politisch umstrittene Fusion der Agenturen in Pforzheim und Nagold umsetzen musste. Die Goldstadt als Oberzentrum der Region Nordschwarzwald verlor damit den Sitz ihres Arbeitsamts, wie die Behörde noch heute im Volksmund heißt. Im November geht Schwab in den Ruhestand. Wer dann sein Nachfolger wird, wollte er gestern beim PZ-Redaktionsgespräch noch nicht verraten.

Es sei ihm trotz aller Unterschiede der Mentalitäten in Pforzheim, Calw und Freudenstadt gelungen, die beiden Agenturen „organisatorisch und menschlich zusammenführen“, wie der 63-Jährige das gerne ausdrückt. An die häufigen Verkehrsstaus zwischen seinem Wohnsitz Herrenberg und seinen wechselnden Einsatzstätten in Nagold und Pforzheim hat er sich gewöhnt, ebenso wie an die Funklöcher im Telekommunikationsnetz des Nordschwarzwaldes, der dem Stuttgarter Arbeitsverwalter oft menschenleer erschien. Doch er lernte die Stärken und Eigenheiten der Menschen kennen, die sich „positiv ergänzen“.

Die Mobilität der Menschen im Enzkreis sei vielfach höher, weil sie es gewohnt seien, mit dem Auto längere Strecken zur Arbeit zurückzulegen. So pendeln täglich 44 870 Erwerbstätige ins Umland, davon allein 18 308 Erwerbstätige nach Pforzheim. Aus der Goldstadt fahren insgesamt 18 554 Menschen in den Enzkreis, nach Karlsruhe oder Stuttgart.

Unter dem Strich kann der Agenturchef mit seiner Abschlussbilanz zufrieden sein. Die Lage auf dem regionalen Arbeitsmarkt hat sich entspannt. Trotz verstärkter Zuwanderung habe sich die Zahl der Arbeitslosen deutlich verringert. Im Stadtkreis Pforzheim – das Schlusslicht in Baden-Württemberg – sank die Arbeitslosenquote vom Höchstwert im März 2013 mit 8,7 Prozent auf 7,2 Prozent im Juli 2015. Erfreulich, dass die Verbesserung von 2013 bis heute auch durch den Rückgang der Hartz-IV-Bezieher in der Goldstadt um 461 zu erklären sei. „So schlecht, wie das oft geredet wird, ist die Situation gar nicht.“

Was bleibt, ist ein hoher Bestand an Langzeitarbeitslosen, was auch auf die besondere Struktur des Arbeitsmarktes in Pforzheim zurückzuführen ist: Viele Ungelernte und viele Ausländer (44,6 Prozent) sind darunter.

Unter den jungen Zuwanderern gebe es viele junge Menschen, „die man ausbilden kann“. Zunächst müsse man jedoch die Sprachbarrieren abbauen. Trotzdem gebe es keinen ausgeprägten Fachkräftemangel, sagt Schwab. „Wenn man die IHK-Umfragen betrachtet sieht das meist anders aus. Es gibt zwar einen faktischen Bedarf in der verarbeitenden Industrie, aber keinen akuten Mangel an Facharbeitern.“

Bedarf gebe es jedoch in den Pflegeberufen und im Handwerk – bei Schreinern, Dachdeckern, Bäckern und Metzgern. Pforzheim habe den Strukturwandel zwar weitgehend vollzogen, er sei aber noch nicht abgeschlossen. Erfreulich sei die gestiegene Zahl von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Goldstadt von 49 511 auf über 56 000 in den vergangenen fünf Jahren.

Mit Projekten für Frauen, die in den Beruf zurückkehren wollen und der gezielten Förderung von benachteiligten Jugendlichen will die Arbeitsagentur zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt beitragen.