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Eine der namhaften deutschen Philosophen, Julian Nida-Rümelin aus München, erklärt im Handwerkerforum von Sparkasse Pforzheim und Kreishandwerkerschaft, dass die Wirtschaft eher weniger als mehr Akademiker braucht. Foto: Meyer
Eine der namhaften deutschen Philosophen, Julian Nida-Rümelin aus München, erklärt im Handwerkerforum von Sparkasse Pforzheim und Kreishandwerkerschaft, dass die Wirtschaft eher weniger als mehr Akademiker braucht. Foto: Meyer
24.07.2015

Julian Nida-Rümelin warnt im Handwerkerforum vor der Akademisierung

Pforzheim. Philosophie und Handwerk? Gilt gemeinhin als Gegensatz. Grundfalsch, meint der Münchner Philosoph Professor Julian Nida-Rümelin (60) am Mittwochabend in der Halle der Sparkasse Pforzheim Calw. Und, er verkörpert diese Haltung auch. Der Staatsminister außer Dienst ist Hauptredner des Handwerkerforums und spricht zum Thema „Der Akademisierungswahn“ – Auch das Handwerk braucht gescheite Leute“. Gescheit? Da sind die Pforzheimer bei Nida-Rümelin an der richtigen Adresse.

Einer der wenigen ebenso gescheiten wie charismatischen Wissenschaftler steht vor dem Publikum und singt das Hohelied des Dualen Systems. Jene bewährte Kombination aus schulischer und betrieblicher Ausbildung, die zum Facharbeiterbrief führt. Nida-Rümelin warnt eindringlich davor, diesen „Exportschlager abzuwracken“. Und er warnt zudem, dem Rat der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zu folgen und die Akademikerquote noch zu steigern; Deutschland hinkt da angeblich seit jeher hinter.

Die OECD im Blick

Nida-Rümelin hat damit seinen zentralen Gegenpol benannt, aber auch die Unesco nimmt er ins Visier. Als Florett setzt er Statistiken ein, „die Zahl“ wie er dies umschreibt und empfiehlt: „Schauen Sie auf die Zahlen.“ Denn je höher der Akademikeranteil eines jeden Schuljahres ist, desto höher liegen Jugendarbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit insgesamt in dem entsprechenden Land.

Deutschland, Österreich und die Schweiz seien in der Akademikerquote hinten, aber bei der Beschäftigungsquote vorne. Dies liege auch an einem hohen Anteil des verarbeitenden Gewerbes in der Wirtschaft. Ganz hinten findet sich Großbritannien. „Aber am angelsächsischen Bildungssystem sollen wir uns orientieren?“, fragt der Kritiker des Bologna-Prozesses rhetorisch.

Hinzu kommen Zigtausende unbesetzte Lehrstellen und eine Akademikerschwemme in vielen Fächern, die das Gehaltsniveau drücke – durchaus unter jenes gut beschäftigter Handwerker.

Für Gleichrangigkeit

Aber was ist Bildung? So lautet die zentrale Frage für Nida-Rümelin. Er bemüht Platon sowie Wilhelm von Humboldt. Wissen, Reife, Gestaltungsfähigkeit und Urteilskraft und Persönlichkeitsbildung, so lauten einige Stichworte. Platon habe Musik und Sport als ganz wichtig erachtet. Doch welche Rolle spielen diese Fächer bei uns?

Von Humboldt habe es so formuliert: Es schadet einem Professor nicht, wenn er einen Tisch schreinern kann, sowenig es einem Schreiner schadet, wenn er Altgriechisch kann. Als Nida-Rümelin dies betont, ist er in seinem Element. Keineswegs am Pult verharrend, schreitet er umher, plädiert er gegen Akademikerdünkel. „Das ist meine Botschaft“, ruft er leidenschaftlich: „Die Dinge sind gleichrangig.“ Jene Ideologie, die das Studium als Höchstes feiere und das andere als Rest abstempele, sei eine Fehlentwicklung.

Riss quer durch Parteien

„Zeigen diese Gedanken bereits Wirkung?“, erkundigt sich PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer. Tatsächlich erkennt Nida-Rümelin ein wachsendes Problembewusstsein. Selbst bei einigen Leuten von der OECD. Bemerkenswert sei, dass die Polarisierung sich quer durch Parteien, Institutionen und Verbände ziehe.

„Daran habe ich nur einen bescheidenen Anteil“, sagt der Philosoph. Wohl die einzige These bei diesem Handwerkerforum am Mittwochabend, die im Publikum massive Zweifel weckt.