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Drücken die Werkbank bei der Firma G.Rau: die Azubis Waleed Younis (links) und Marvin Schäfer. Geschäftsführer Axel Pfrommer (links) zeigt Bürgermeister Frank Fillbrunn die Lehrwerkstatt.  Foto: Ketterl 

Junger Iraker bei G.Rau: So geht betriebliche Integration

Pforzheim. Etwas schüchtern wirkt Waleed Younis beim Firmenbesuch von Bürgermeister Frank Fillbrunn beim Traditionsunternehmen G.Rau im Gewerbegebiet Brötzinger Tal am Mittwoch. Der 20-Jährige stammt aus dem Irak und flüchtete mit seiner Familie vor drei Jahren nach Deutschland. Dass er seit September 2018 eine Einstiegsqualifizierung bei Rau erhält, ist nicht selbstverständlich.

„Ich hatte Schwierigkeiten, eine Ausbildung zu finden“, sagt Younis. Es habe viele Absagen gegeben – bis ihm bei der Suche Christian Marquardt vom Arbeitgeberservice beim Jobcenter Pforzheim half. „Younis ist mir sofort ins Auge gesprungen. Er ist ein ehrgeiziger junger Mann“, sagt Marquardt.

Der Flüchtling sollte eigentlich ein Praktikum im Handel absolvieren. Doch nach Einschätzung des Beraters passte zu ihm besser ein technischer Beruf. Es folgte ein Anruf bei Inge Reim, Personalleitung bei G.Rau, und anschließend ein Praktikum im Unternehmen. Da schlug er sich „recht gut“, wie Marquardt attestiert. Für eine anschließende Ausbildung war es zu spät, denn die Plätze waren bereits vergeben. Aber einer Zusatzqualifikation zum Maschinen- und Anlagenführer stand nichts im Wege. Parallel besucht der 20-Jährige die Berufsfachschule in Bretten.

Dass die Zusammenarbeit zwischen G.Rau und dem Jobcenter Pforzheim funktioniert, zeigt das Projekt der betrieblichen Einstiegsqualifizierung in den vergangenen Jahren. Das Ziel: Die berufliche Integration junger Menschen, die „auf den ersten Blick nicht die besten Voraussetzungen für eine Ausbildung mitbringen“, sagt Stephanie Schake, Leiterin des Jobcenters Pforzheim. „Es gibt ihnen die Möglichkeit, sich zu erproben und sich zu beweisen.“

Vor ein paar Jahren wurde die „Brücke in den Beruf“ auf die Integration von Flüchtlingen in den lokalen Arbeitsmarkt ausgeweitet. 2016 absolvierten elf Menschen mit Migrationshintergrund ein Praktikum, vier wurden anschließend als Produktionshelfer eingestellt, drei sind nun unbefristet beim Unternehmen beschäftigt (PZ berichtete).

Eine gute Bilanz, findet Geschäftsführer Axel Pfrommer. „Für uns ist das Projekt hilfreich.“ Das Unternehmen würde noch mehr Menschen, eine Möglichkeit bieten, eine Zusatzqualifikation zu erlangen – auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel. „Wenn jemand willig und Engagement zeigt, ist das uns lieber als eine Ausbildung“, sagt Pfrommer. „Wir bekommen das schon hin, dass sich die Person, dann qualifiziert.“ Dennoch: qualifiziertes Personal zu finden, bleibe eine Herausforderung. Denn: „Die Komplexität der Produktion wird weiter zunehmen“, sagt Daniel Langbein, Bereichsleiter Industrielle Halbzeuge. Und Deutschkenntnisse müssen dafür sitzen, so Langbein.

Wo alle Neuankömmlinge beim Metallverarbeiter G.Rau durch müssen, ist die Ausbildungslehrwerkstatt. Hier werden nicht nur Auszubildende, sondern auch Praktikanten, Studenten, Hilfsarbeiter vom Meister unter die Fittiche genommen. „Uns ist es wichtig, dass alle die Handarbeit lernen, bevor sie die Maschinen bedienen“, sagt Reim. Es gehe um das Fingerspitzengefühl. Auch Younis drückt hier die Werkbank. Aktuell bildet G.Rau 27 Menschen aus. Im kommenden Ausbildungsjahr sollen 15 Jugendliche eine Lehre beginnen. Reim stellt klar: „Wir bilden nicht nach über Bedarf aus, sondern wir möchten immer auch eine Übernahme garantieren.“

In den nächsten zwei Monaten werde sich zeigen, ob Younis im Unternehmen das zweite Ausbildungsjahr beginnen kann, sagt Marquardt. Zumindest arbeitet der Iraker fleißig an diesem Plan: „Ich habe die Chance bekommen und möchte meine Noten weiter verbessern. Das ist mein Ziel.“