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Kaufhof und Karstadt wollen ihre Geschäfte in großen Städten am liebsten jeden Sonntag öffnen. Foto: Breloer
Kaufhof und Karstadt wollen ihre Geschäfte in großen Städten am liebsten jeden Sonntag öffnen. Foto: Breloer
19.07.2017

Kein Kompromiss in Sicht: Streit um Öffnung am Sonntag

Essen/Pforzheim. Da wird geschimpft auf „Gewerkschaftsfuzzis“ und genervte Verkäuferinnen machen ihrem Unmut Luft: Im Dauerstreit um die Sonntagsöffnung haben die Kontrahenten eine neue Runde eingeläutet. Während der Anwalt der Gewerkschaft Verdi ein schärferes Vorgehen der Behörden gegen in seinen Augen unzulässige Sonntagsöffnungen verlangt, kontert die Gegenseite mit einem neuen Rechtsgutachten. Die Fehde wird seit Jahren erbittert geführt.

Trotz einer Klagewelle gegen rund 100 deutsche Städte und Gemeinden in den vergangenen Jahren sieht sich Verdi noch längst nicht am Ziel. Tatsächlich finden in Deutschland jährlich Tausende verkaufsoffene Sonntage statt, stellt Verdi-Anwalt Friedrich Kühn fest. Viele dieser Veranstaltungen seien möglicherweise nicht vereinbar mit den geltenden Vorschriften zur Sonntagsöffnung, so dass aus Sicht der Gewerkschaft ein juristisches Vorgehen dagegen notwendig wäre. Das Risiko einer juristischen Niederlage gegen Verdi war auch der Interessengemeinschaft Wilferdinger Höhe (IG Wihö) in der Goldstadt zu groß. Die beiden geplanten verkaufsoffenen Sonntage im Mai und im November wurden gestrichen (die PZ berichtete).

In einem im Auftrag von mehreren Industrie- und Handelskammern in Auftrag gegebenen Rechtsgutachten stellt der Düsseldorfer Staatsrechtler Johannes Dietlein den geforderten Anlassbezug in Frage. Ein Fest oder Markt als Anlass sei eben nur eine von mehreren Möglichkeiten, die Ladenöffnung mit dem „Gemeinwohl“ zu rechtfertigen, heißt es. Dietleins Argument: Ebenso legitim könne das Gemeinwohl mit dem Ziel verfolgt werden, die Innenstädte und den dortigen Einzelhandel mit mehr Sonntagsöffnungen zu fördern. „Wir wollen die Menschen mit attraktiven Angeboten in die Geschäfte locken“, sagt auch Sabine Hagmann. Die Konkurrenz des Onlinehandels sei groß. Deshalb setzt sich die Hauptgeschäftsführerin des baden-württembergischen Einzelhandelsverbands für mehrere verkaufsoffene Sonntage ein. „Aber es ist schon schwer genug, zwei verkaufsoffene Tage genehmigt zu bekommen“, weiß Rüdiger Fricke, Fachbereichsleiter beim Pforzheimer Citymarketing. Das Vorpreschen von Kaufhof und Karstadt für verkaufsoffene Sonntage stoße in der Praxis an personelle Grenzen beim Fachhandel. Viele kleinere Läden könnten da nicht mithalten. Vertreter der christlichen Kirchen warnen bei einer sonntäglichen Ladenöffnung vor einem „Dammbruch“, während Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger auf zunehmenden Stress und die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie hinweist.

Männer kaufen lieber sonntags

„Ein guter Sonntag bringt den Umsatz einer ganzen Woche“, rechnet Einzelhändler Felix Finger aus Essen vor. Mit den vier bislang in Nordrhein-Westfalen zulässigen Sonntagsöffnungen könne er einen zusätzlichen Monatsumsatz erwirtschaften. Herrenmode sei sonntags besonders gefragt, weiß der Kaufmann: „Männer haben während der Woche keine Zeit und keine Lust zum Einkaufen.“