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Das schmeckt: Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (links) und Heiko Terno, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg, frühstückten gestern demonstrativ vor dem Brandenburger Tor. .Zinken
Das schmeckt: Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (links) und Heiko Terno, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg, frühstückten gestern demonstrativ vor dem Brandenburger Tor. .Zinken
24.03.2016

„Klasse statt Masse“ - Bauern machen Front gegen Niedrigpreise für Lebensmittel

Wenn sie Marmelade, Schinken und Butter fürs Frühstück kaufen, fragen sich wohl die wenigsten Supermarktkunden: Wie viel vom Preis an der Kasse geht eigentlich an wen? In der Lebensmittelkette von den Bauernhöfen über die Verarbeiter bis zum Handel herrscht deshalb aber gerade ziemlicher Ärger. Auf ihre Kosten kommen wollen alle. Und nun machen die Landwirte mobil und fordern unter dem Druck heftiger Preiseinbrüche für Milch und andere Produkte einen größeren Anteil für sich. Es ist ein hartes Gerangel, und jeder Cent zählt.

Mit Aktionen in ganz Deutschland haben sich Bauern am Mittwoch vor allem an die Verbraucher gewandt. „Wir machen Dein Frühstück. Aber Dein Geld kommt nicht bei uns an“, lautet eine zentrale Botschaft. Zumindest nicht sehr viel davon, wie der Bauernverband vorrechnet: Bei zwei Brötchen seien es gerade zwei Cent, bei 100 Gramm Käse 25 Cent, bei einer 20-Gramm-Portion Marmelade lediglich ein Cent. Auch von einer Bratwurst mit Brötchen landeten nur 20 Cent beim Landwirt. Der Verband appelliert denn auch an die Solidarität der Kunden, doch ein bisschen mehr zu zahlen. Generell gilt: Je mehr das Endprodukt über den Agrarrohstoff hinaus weiterverarbeitet wird, desto kleiner der Anteil der Bauern.

Dass viele Höfe finanziell bangen müssen, liegt in erster Linie an den Weltmärkten. Schon seit Monaten sind die Preise tief im Keller, die Landwirte dort erzielen können. „Wir sehen leider kein Licht am Ende des Tunnels“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. So sackte der Erzeugerpreis für Milch von mehr als 37 Cent auf 27 Cent pro Liter. Für Schweinefleisch sind es 1,31 Euro pro Kilo nach einst 1,71 Euro.

Eine Ursache ist die schwächere Nachfrage in Schwellenländern vor allem in Asien. Milchbauern in den USA und Neuseeland stellen mehr her, was die Preise verwässert. Und noch immer blockt Russland als Antwort auf EU-Sanktionen wegen der Ukraine-Krise Agrarimporte.

Die Landwirte sehen daneben strukturelle Probleme. Da ist vor allem die Einkaufsmacht der vier Handelsriesen Edeka, Rewe, Schwarz (Lidl) und Aldi, die zusammen 85 Prozent des Markts beherrschen – und in Preisverhandlungen oft am längeren Hebel sitzen. Die Supermärkte weisen diese Kritik vehement zurück. „Die Ursachen für die niedrigen Milchpreise liegen doch nicht in den Margen des Handels“, heißt es beim Branchenverband.

Mit der Spanne, die auf den Einkaufspreis aufgeschlagen wird, müssten eigene Kosten für Lagerung, Verpackung und Transporte gedeckt werden. Und groß sei diese Spanne ohnehin nicht. Bei einem Liter Trinkmilch, der bei einer günstigen Eigenmarke 55 Cent kostet, liege sie bei gut sechs Cent.

Die Grünen fordern deshalb ein generelles Umsteuern weg von der reinen Mengenproduktion für die Weltmärkte, wie der Agrarexperte Friedrich Ostendorff erklärt: „Wir brauchen Klasse statt Masse.“