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Im Gespräch mit der PZ: (von links) Kreishandwerksmeister Rolf Nagel, Geschäftsführer Mathias Morlock von der Kreishandwerkerschaft Pforzheim/Enzkreis und Fachverbands-Vorsitzender Joachim Butz vom baden-württembergischen Sanitär-Heizung-Klima-Handwerk. Foto: Meyer
Im Gespräch mit der PZ: (von links) Kreishandwerksmeister Rolf Nagel, Geschäftsführer Mathias Morlock von der Kreishandwerkerschaft Pforzheim/Enzkreis und Fachverbands-Vorsitzender Joachim Butz vom baden-württembergischen Sanitär-Heizung-Klima-Handwerk. Foto: Meyer
14.06.2019

Kreishandwerkerschaft: „Ausbildung und Meisterpflicht machen Sinn“

Pforzheim/Enzkreis. Viele Betriebe scheuen keine Kosten und Mühen, um junge Leute auszubilden. Nach drei Jahren stehen sie dann oft mit leeren Händen da, weil die gut ausgebildeten Fachkräfte bei der Konkurrenz anheuern. „Jetzt wirbt sogar die Bundeswehr mit einer Werbekampagne – finanziert aus Steuermitteln – unsere Lehrlinge ab“, sagt Fachverbands-Vorsitzender Joachim Butz vom baden-württembergischen Sanitär-Heizung-Klima-Handwerk (SHK). Damit habe die Bundeswehr eine rote Linie überschritten.

„Bereits das vierte Jahr in Folge verzeichnen wir im SHK-Bereich ein Plus bei den Lehrlingszahlen. 2018 absolvierten 4348 junge Menschen eine Ausbildung in einem unserer vier Gewerke,“ ergänzt der Pforzheimer Unternehmer. Doch die Ausbildung im dualen System stößt an Grenzen, weil jeder zweite junge Mensch ein Hochschulstudium beginnt.

Morlock: Hoher Wert der betrieblichen Ausbildung

Deshalb ist es durchaus nachvollziehbar, dass Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer über Ablösesummen für Nachwuchskräfte nachdenkt, die nach der Lehre von anderen Firmen abgeworben werden. Ob sich diese Regelung in der Praxis umsetzen lässt, scheint fraglich. Doch der Wert der betrieblichen Ausbildung könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagt Mathias Morlock, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Pforzheim/Enzkreis.

Gesprächsbedarf sieht er auch bezüglich der Auftragslage im Handwerk. Tatsächlich sind die meisten Betriebe auf Wochen hinaus ausgelastet. Von einer „Klempner-Krise“, wie eine große Boulevardzeitung kürzlich titelte, könne man deshalb aber nicht sprechen, ergänzt Joachim Butz. „Wenn es von der Decke tropft oder nach Gas riecht, kommen unserer Fachbetriebe natürlich zeitnah.“ Und treue Kunden würden vorrangig behandelt, wenn kurzfristig eine Lücke in den Auftragsbüchern auftauche.

Das Gleiche gelte natürlich auch für alle anderen Handwerksbereiche. „Die Auftragsbücher sind bei den meisten Betrieben gut gefüllt, doch durch Terminverschiebungen und -stornierungen gibt es immer wieder kurzfristig auftretende Auftragslücken,“ betont Kreishandwerksmeister Rolf Nagel. Es lohne sich daher, bei den Betrieben nachzufragen. Was den Fachkräftemangel angeht, sehen die Vertreter der Kreishandwerkschaft, die 940 Betriebe repräsentieren, Handlungsbedarf. Die Politik müsse gegensteuern, fordert Morlock.

Meisterprämie statt Abschaffung der Meisterpflicht

„Das beginnt mit der Wiedereinführung der Meisterpflicht in vielen Gewerken wie bei Fliesenlegern und Raumaustattern.“ Viele Kunden hatten die Ausführungsqualität der Arbeiten kritisiert. In 53 von 94 Berufen wurde die Meistpflicht 2004 abgeschafft. Das Handwerk fordert zudem die Einführung einer staatlichen Meisterprämie. Damit könne der Mut zur Selbstständigkeit belohnt werden. Das gelte auch für die zahlreichen Unternehmensnachfolgen, die in den kommenden Jahren im Handwerk anstünden.

Die vage Hoffnung, dass mit dem Zustrom von Migranten die Nachwuchsprobleme gelöst werden könnten, hätten sich bislang nicht bewahrheitet, so Morlock. Es gebe zwar einige positive Beispiele für die Integration von Flüchtlingen, doch die Mehrzahl interessiere sich nicht für eine Ausbildung im Handwerk, Oft seien auch die schulischen und sprachlichen Vorkenntnisse nicht ausreichend. Immerhin hatte 2018 von den 48.237 Auszubildenden in baden-württembergischen Handwerksbetrieben jeder Fünfte einen ausländischen Pass.

Bauboom treibt Handwerk weiter voran

Angetrieben von der Baubranche hat das Handwerk zum Jahresbeginn gute Geschäfte gemacht. Die Konjunktur im Bezirk der Handwerkskammer Karlsruhe hat – im Vergleich zum Vorjahresquartal – das Gaspedal noch einmal kräftig durchgetreten. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres waren 72,6 Prozent der befragten Handwerksbetriebe mit ihrer Geschäftslage zufrieden und nur sieben Prozent unzufrieden. Trotz relativ voller Auftragsbücher und einer hohen Kapazitätsauslastung sind die Betriebe – auch angesichts der zahlreichen nach unten angepassten Vorhersagen vieler Wirtschaftsprognoseinstitute – etwas verhaltener, was die künftige Geschäftsentwicklung betrifft. Mit einer weiteren Verbesserung der ohnehin schon sehr guten Geschäftslage rechnen 43,1 Prozent der befragten Betriebe. Und immer noch mehr als die Hälfte der Unternehmen erwartet eine Fortsetzung des bisherig guten Geschäftsverlaufs. Die Folgen der schwieriger werdenden Exportgeschäfte dürften im Handwerk vom privaten Konsum und der weiterhin guten Baukonjunktur kompensiert werden.

Die Zahl der Erwerbstätigen ist zum Jahreswechsel leicht gewachsen, die Haushalte rechnen mit steigenden Einkommen und planen in den nächsten Monaten neue Anschaffungen. Davon versprechen sich viele Betriebe einen Wachstumsimpuls.

Fehlende Fachkräfte hemmen Wachstum

Die Unternehmen im Bauhauptgewerbe und im Ausbauhandwerk melden einen Mittelwert bei der Auftragsreichweite von elf Wochen, die Geräteauslastung ist hoch, beides sind positive Indikatoren für die weitere Entwicklung. Wachstumshemmnisse sind nach wie vor fehlende Fachkräfte.

Die sehr gute Konjunktur bildet sich nicht 1:1 in der Beurteilung der Umsatzlage im Handwerk ab. In den vergangenen drei Monaten freute sich jeder fünfte befragte Betrieb über eine höhere Umsatzentwicklung. Für den selben Zeitraum bemängelten allerdings 38,4 Prozent eine rückläufige Entwicklung ihrer Umsätze. Im Abfragezeitraum hat das Handwerk einen positiven Beschäftigungsbeitrag geleistet. In diesem Zeitraum haben 14,2 Prozent der Betriebe neue Mitarbeiter eingestellt, mit einem kleineren Personalstamm arbeiteten 11,9 Prozent der Befragten.

Bundesweit stiegen im ersten Quartal die Umsätze im zulassungspflichtigen Handwerk um 6,4 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Ablösesumme für Auszubildende gefordert

Betriebe könnten nach Überlegungen aus dem Handwerk künftig Ablösesummen zahlen, wenn sie Azubis gleich nach der Lehre von der Konkurrenz abwerben. Zwei von drei Fachkräften, die im Handwerk qualifiziert würden, arbeiteten im Laufe ihres Berufslebens in anderen Wirtschaftsbereichen, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer.

„Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben.“ Er denke deshalb über eine Entschädigung für Ausbildungsgebtriebe nach, die Azubis direkt nach der Lehre verlieren. Konkret könnte man regeln, dass Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre nur dann den Betrieb wechseln dürfen, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt, so der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Denn die Betriebe stecken während der dreijährigen Lehre viel Geld in ihre Azubis – oft mit dem Hintergedanken, die jungen Leute später zu übernehmen und dann ohne lange Einarbeitung direkt einsetzen zu können.

Was ein Auszubildender seinen Arbeitgeber kostet, ist je nach Branche unterschiedlich. Insgesamt zahle der Betrieb aber immer drauf, sagte Wollseifer. „Die Ausbildung kostet im ersten und zweiten Jahr Geld – im ersten Jahr viel, im zweiten Jahr etwas weniger. Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein.“

Nach der aktuellsten Kosten-Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung (bibb) hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18.000 Euro – zugleich aber erwirtschaftet der Lehrling rund 12.500 Euro. Der Betrieb lässt sich einen passgenau ausgebildeten Mitarbeiter bei dreijähriger Ausbildung also mehr als 15.000 Euro kosten.

Neuer Mindestlohn für Azubis

Einige Branchen müssen derzeit zudem damit rechnen, dass die Ausbildung noch teurer wird. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) plant einen Azubi-Mindestlohn: Alle Auszubildenden sollen vom kommenden Jahr an im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat verdienen. Im zweiten und dritten Lehrjahr soll es noch mehr geben.

Das Handwerk sei von diesen Regelungen besonders betroffen, sagte Wollseifer – „weil wir der stärkste Ausbilder sind“. 28 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland lernten in Handwerksbetrieben.

Die meisten von ihnen verdienen schon jetzt mehr als den geplanten Mindestlohn – aber längst nicht alle. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bekamen Ende 2017 fast 65 000 Azubis weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50 000 unter 500 Euro – zusammen mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden. Vor allem ostdeutsche Betriebe müssten mit dem neuen Mindestlohn deutlich mehr in die Ausbildung investieren – zum Beispiel Metzgereien, wo Azubis nach bibb-Daten derzeit nur 310 Euro verdienen. Auch Raumausstatter- und Friseur-Lehrlinge im Osten sowie angehende Schornsteinfeger in ganz Deutschland werden vom geplanten Mindestlohn profitieren. Den Betrieben werde das Probleme bereiten, sagte Wollseifer. Sie könnten die Mehrkosten nicht einfach umlegen.