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Wie geht es infolge des Diesel-Skandals weiter bei VW? Über die Vorschläge von Konzernchef Matthias Müller (Mitte) müssen nun die Aufsichtsräte Hans Dieter Pötsch (von links), Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Bernd Osterloh (Gesamtbetriebsratsvorsitzender) entscheiden.
Wie geht es infolge des Diesel-Skandals weiter bei VW? Über die Vorschläge von Konzernchef Matthias Müller (Mitte) müssen nun die Aufsichtsräte Hans Dieter Pötsch (von links), Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Bernd Osterloh (Gesamtbetriebsratsvorsitzender) entscheiden.
04.11.2016

Monat der Wahrheit bei VW

Rund 110 Milliarden Euro – so viel hat Volkswagen zuletzt über fünf Jahre investiert. Dafür müsste ein Lottospieler 75 Jahre ununterbrochen jede Woche fast 30 Millionen Euro gewinnen. Wenn der VW-Konzern sein Investitions-Füllhorn auspackt, geht es um Superlative. Europas größter Autobauer veranschlagte zuletzt pro Jahr gut 20 Milliarden Euro in seinem Budgetplan. Die Geldströme flossen etwa in neue Produkte und Zukunftstechnologien. Es ging um Fabriken, Motoren und intelligente Helfer im Auto.

Mit den gigantischen Summen führte Volkswagen regelmäßig die Listen der globalen Investitionskönige an. Der Abgas-Skandal zwingt den Autobauer jetzt aber zu einer Kostendiät, die ihn bei zentralen, teuren Trends der Branche schwächt: Digitalisierung und Vernetzung sowie alternative Antriebe. Zu allem Überfluss siecht die Pkw-Kernmarke mit dem VW-Logo nicht nur wegen „Dieselgate“ bedrohlich dahin. Der Hausmarke um Golf und Passat blieben zuletzt von 100 umgesetzten Euro nur rund 1,60 Euro als Gewinn, wovon dann noch Zinsen und Steuern abgingen. Für das VW-Herz scheint die Schwelle zum Sanierungsfall nicht mehr weit.

Bei den Konzernkontrolleuren herrscht also doppelte Alarmstimmung. Am 18. November soll der Aufsichtsrat das Budget bis 2021 absegnen. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Schon vor Wochen bekamen die Kontrolleure daher eine zusätzliche Terminanfrage. Außerplanmäßige Aufsichtsratssitzungen lassen immer aufhorchen. Diesmal aber, so versichern Insider, diene das Treffen lediglich der Vorbereitung. „Weil wir sonst am 18. wohl nicht durchkämen“, sagt ein Teilnehmer.

Wie hart tritt VW nun auf die Kostenbremse? Die wahrscheinlichen Lasten für die Diesel-Krise allein in den USA gehen schon in Richtung 20 Milliarden Euro. Verluste im Tagesgeschäft sind darin nicht eingerechnet. Branchenexperten wie Frank Schwope von der NordLB rechnen bereits heute mit bis zu 35 Milliarden Euro Gesamtkosten. Selbst für VW wird die Luft also dünn, denn parallel muss der Konzern Geld in seine Zukunft stecken.

„Ich glaube schon, dass es eine deutliche Fokusverschiebung geben dürfte“, sagt Branchenforscher Stefan Bratzel zur Planungsrunde. Wie klar sich das in den Zahlen ablesen lasse, bleibe abzuwarten. Schließlich sei viel auf Jahre budgetiert. Dennoch müsse es mittelfristig auch Opfer geben, etwa gestrichene Modelle.

„Man darf nicht weniger von allem machen, sondern man muss fokussieren“, sagt Bratzel. Bisher liefen Themen wie E-Antriebe, vernetzte Mobilität und autonomes Fahren eher nebenher. „Jetzt muss das ein Kern werden.“ Wenn VW es ernst meine mit der Wandlung vom reinen Autobauer zum führenden Anbieter für Mobilitätsdienste, müsse das auch am Budget ablesbar sein.

Aus Unternehmenskreisen ist ähnliches zu hören. In der neuen Planungsrunde soll demnach kein Rasenmäher zum Einsatz kommen. „Es geht natürlich auch darum, sich manche Dinge zu verkneifen. Etwa bei Immobilien, teuren Neubauten wie einem Windtunnel oder erfolgsarmen Modellen“, sagt eine mit den Plänen vertraute Person. Doch das stamme teils schon aus dem Sparprogramm des 2015 zurückgetretenen Konzernchefs Martin Winterkorn – noch vor der Diesel-Krise. Interessanter seien die Details, heißt es. Was wird wann von Verbrennungsmotoren zu Elektroantrieben umgeschichtet? Welche Summen fließen in Digitalisierung? Bereits im Sommer ließ der Konzern durchblicken, dass es nicht ums Kappen von Gesamtbudgets geht.