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Die Mitglieder des Sachverständigenrates (von links): Peter Bofinger, Lars Feld, Isabel Schnabel, Christoph Schmidt und Volker Wieland. Die Top-Ökonomen rechnen mit einem Plus von 1,5 Prozent.  Dedert
Die Mitglieder des Sachverständigenrates (von links): Peter Bofinger, Lars Feld, Isabel Schnabel, Christoph Schmidt und Volker Wieland. Die Top-Ökonomen rechnen mit einem Plus von 1,5 Prozent. Dedert
24.03.2016

Noch überwiegen die Chancen: Deutsche Konjunktur zwischen Exportsorgen und Konsumfreude

Die deutsche Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs – doch das Tempo dürfte etwas geringer ausfallen als zunächst erwartet, meinen die Wirtschaftsweisen. Was stützt die deutsche Konjunktur, was bremst sie?

Chancen

Arbeitsmarkt: In keinem EU-Land ist die Arbeitslosigkeit derzeit so niedrig wie in Deutschland. Das entlastet die Sozialkassen und stärkt die Kauflaune der Verbraucher. Der stabile Arbeitsmarkt und die weiter wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften wirken sich nach Einschätzung des Marktforschungsunternehmens GfK positiv auf den Konsum aus. Der Flüchtlingsstrom wird sich erst im kommenden Jahr bemerkbar machen.

Inflation: Die Verbraucherpreise in Deutschland sind niedrig, zuletzt sind sie gar nicht mehr gestiegen, im Euro-Raum sind sie sogar gesunken. Nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank dürfte die Teuerungsrate in diesem Jahr insgesamt gering bleiben. Das stärkt die Kaufkraft der Verbraucher und kann den Konsum anschieben.

Spar-Zinsen: Seit die Europäische Zentralbank die Märkte mit Billiggeld flutet, werfen Sparbuch und Co. kaum noch etwas ab, deswegen geben viele Menschen ihr Geld lieber aus als es auf die hohe Kante zu legen.

Bauboom: Baugeld ist günstig, Immobilien sind auch als Geldanlage gefragt. In den kommenden Jahren dürfte die Nachfrage nach Wohnimmobilien weiter wachsen – allein schon wegen der starken Zuwanderung.

Ölpreise: Zwar sind die Ölpreise zuletzt wieder etwas gestiegen, sie liegen mit etwa 40 Dollar je Barrel (159 Liter) aber immer noch weit entfernt von einstigen Höchstständen. Verbraucher profitieren beim Tanken und Heizen, die Industrie von niedrigeren Energiekosten.

Flüchtlinge: Volkswirte werten die Zuwanderung Hunderttausender Menschen als kleines Konjunkturprogramm – auch, weil der Staat für die Unterbringung und Versorgung der Menschen viel Geld in die Hand nehmen muss.

Euro-Schwäche: Exportunternehmen profitierten im vergangenen Jahr davon, dass Produkte „Made in Germany“ auf dem Weltmarkt billiger wurden. Das kann die Nachfrage ankurbeln.

Risiken

Abschwächung der Weltwirtschaft: Wichtige Märkte für Produkte „Made in Germany“ schwächeln. In China sind die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten vorerst vorbei. Das trifft exportorientierte deutsche Unternehmen – etwa Maschinen- und Autobauer.

Ölpreisverfall: Der Preisrückgang führt in Branchen wie der Chemieindustrie zu Umsatzeinbußen. Zudem zwingt er Förderländer und Ölunternehmen zu einem Sparkurs, was Folgen für die Weltkonjunktur und den deutschen Export haben kann.

Terror: Die jüngsten Terrorattacken in Brüssel haben die Angst vor weiteren Anschlägen in Europa neu entfacht. Das kann Unternehmen und Verbraucher verunsichern. Die Tourismusindustrie bekommt nach Attentaten in beliebten Reiseregionen die Zurückhaltung der Urlauber bei Buchungen bereits zu spüren.

„Brexit“: Die Briten sollen am 23. Juni darüber abstimmen, ob sie die Europäische Union verlassen wollen oder nicht. Für die EU stehe viel auf dem Spiel, da sie ein wirtschaftliches und politisches Schwergewicht zu verlieren drohe, erklären Ökonomen der Helaba.

Grenzkontrollen: Sollten die wegen des Flüchtlingszustroms wiedereingeführten Kontrollen im Schengen-Raum längere Zeit fortbestehen, würde der Warenverkehr innerhalb Europas behindert, warnen die Wirtschaftsweisen.