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Das Randsortiment mit Bettwäsche und Porzellan spielt für den stationären Möbelhandel – hier das Möbelzentrum Pforzheim – eine wichtige Rolle. Foto: PZ-Archiv
Das Randsortiment mit Bettwäsche und Porzellan spielt für den stationären Möbelhandel – hier das Möbelzentrum Pforzheim – eine wichtige Rolle. Foto: PZ-Archiv
07.08.2015

Online-Alarm im Möbelhaus

Köln/Pforzheim. Vasen, Kissen oder Bratpfannen gelten als lukratives Zusatzgeschäft für klassische Möbelhäuser in einem hart umkämpften Markt. Doch immer mehr Online-Shopper bedrohen nicht nur dieses Geschäftsmodell. Die Branche steht vor einem Umbruch. Mit der Möbelbranche gerät eine weiter Bastion des deutschen Einzelhandels in den Sog des Internetshoppings. Über die Auswirkungen des Wandels streiten die Experten. Die Schätzungen reichen von einem geruhsamen Umbau bis zu einer stürmischen Umwälzung. Sie gehen davon aus, dass derzeit nur ein vergleichsweise geringer Anteil des Gesamtumsatzes des deutschen Möbel- und Küchenhandels von gut 31 Milliarden Euro im Internet erzielt wird.

Gerät lediglich das lukrative Geschäft mit Spontankäufen von sogenannten Wohnaccessoires in Gefahr, oder ist gleich die ganze Branche mittlerweile eine „Insel in einem Zustand des aufkeimenden Bürgerkriegs“, wie der Branchendienst „etailment“ in einer „Abrechnung mit dem Möbelhandel“ schreibt. Vasen gelten im Möbelhandel nämlich als beliebte Klassiker unter den ungeplanten Spontankäufen beim Besuch eines Möbelhauses. Wer es schafft, die Kasse ohne neues Blumenbehältnis zu passieren, hat nach Beobachtungen von Handelsfachleuten vielleicht eine neue Bettdecke oder Bratpfanne im Gepäck.

Derartiges Wohnzubehör gilt in der Branche nicht als zu vernachlässigender Kleinkram, sondern als ein lukratives Zusatzgeschäft in einem hart umkämpften Markt. Mit dem Vordringen des Onlinehandels wachsen nun die Befürchtungen vor einem Ausbleiben der Spontankäufer. „Wer sucht im Internet schon gezielt nach einer neuen Vase?“, fragt sich der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, Kai Hudetz. „Bei vielen Deko-Sachen muss der Kunde erst merken, dass er sie gern hätte“, beschreibt Hudetz den Effekt. So hat der deutsche Möbelhausprimus Ikea im vergangenen Jahr nach Schätzung von Experten mehr als die Hälfte des Umsatzes von 4,12 Milliarden Euro in seinen derzeit 49 deutschen Einrichtungshäusern mit Wohnaccessoires erwirtschaftet.

Dementsprechend gering fällt bei Ikea mit 145 Millionen Euro der Anteil des Onlineumsatzes am Gesamtumsatz aus. Immerhin hatte der Primus unter den deutschen Möbelhändlern seinen Internet-Umsatz im vergangenen Jahr um 58,4 Prozent steigern können.

Als umstritten gilt im Online-Zeitalter auch der anhaltende Siegeszug der Giganten unter den Möbelhäusern. „Ich glaube, dass Großflächenformate sehr stark unter Druck geraten“, sagt Hudetz. Der Experte geht davon aus, dass viele der neuen Möbelpaläste bei einer richtigen Einschätzung der Online-Entwicklung so nicht mehr gebaut worden wären. In einem von Hudetz miterarbeiteten Thesenpapier des Kölner Instituts für Handelsforschung IFH gehen Experten davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren jeder dritte der bundesweit knapp 28 000 Läden für Möbel und Eichrichtungszubehör vor dem Aus stehen könnte. Überleben könnten nur Händler mit einer „umfassenden Digitalstrategie“, heißt es.

Deutlich weniger pessimistisch sieht dagegen der Verband der deutschen Möbelindustrie (VDM) den Trend zum Online-Handel. „Ich glaube der Handel fängt an, sich dem Thema zu stellen“, sagt Geschäftsführer Dirk-Uwe Klaas. Kritisch sehen die deutschen Hersteller allerdings die Flut von Sonderangeboten, mit denen vor allem große Möbelhäuser ihr Kunden locken wollen. Beim deutschen Möbelhandel sieht man die Lage dagegen weniger dramatisch. „Bei uns klingeln nicht die Alarmglocken“, sagt André Kunz, Geschäftsführer des Möbelhandelsverbands BVDM. Ohne Beratung werde es auch weiterhin nicht gehen, betont er die Stärken des stationären Handels. Der Handelsverband rechnet jedoch mit einer weiteren Konzentration in der Branche. Von derzeit 9000 Möbelläden in Deutschland werden nach Schätzung des Verbands bis 2020 rund 500 bis 600 Geschäfte schließen.