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Die große Hitze und die Bauarbeiten zur Umgestaltung der Pforzheimer Fußgängerzone haben die Kauflust zuletzt etwas gebremst. Foto: Meyer
Die große Hitze und die Bauarbeiten zur Umgestaltung der Pforzheimer Fußgängerzone haben die Kauflust zuletzt etwas gebremst. Foto: Meyer
10.08.2018

Online-Handel macht Pforzheimer Einzelhändlern Sorgen in der City

Düsseldorf/Pforzheim. Sale, Sale, Sale: Die Modehändler in deutschen Innenstädten locken wieder mit drastischen Preisreduzierungen von 50, 60 oder gar 70 Prozent. Und die Verbraucher haben gute Chancen, so manches attraktive Stück zu finden. Denn das erste Halbjahr verlief für Boutiquen, Modehäuser und Markenshops in den Einkaufsstraßen alles andere als gut. Es kamen deutlich weniger Kunden in die Läden als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Umsätze und Gewinne schrumpften in zahlreichen Läden spürbar.

„Viele große stationäre Händler haben im Augenblick große Schwierigkeiten“, sagt der Handelsexperte Thomas Harms von der Unternehmensberatung EY. „Die Schuld daran wird gerne dem Wetter gegeben, aber in Wirklichkeit sind viele der Probleme hausgemacht.“

In der Goldstadt läuft gerade die Umgestaltung der Fußgängerzone – für die von den Baumaßnahmen betroffenen Handels- und Gastronomiebetriebe eine schwierige Situation. „Die Umgestaltung ist sinnvoll und längst überfällig“, betont Jörg Augenstein, CDU-Stadtrat und selbst Einzelhändler. „Pforzheim ist damit auf einem guten Weg, zumal man hohe Fördermittel nutzen konnte.“ Nicht nur das äußere Erscheinungsbild müsse stimmen, auch die passenden Geschäfte müssten da sein, um das Einkaufserlebnis zu fördern. Und hier legt Augenstein den Finger in die Wunde: Der Zuschnitt vieler Verkaufsflächen in der Pforzheimer Innenstadt sei nicht ideal. Namhafte Shop- und Store-Anbieter bevorzugten ebenerdige Ladengeschäfte. „Mehrere Etagen bedeuten auch mehr Personal“, erklärt der Brötzinger Modehändler. Andererseits seien qualifizierte Beratung und ein attraktives Sortiment wichtiger den je, um der Online-Konkurrenz Paroli zu bieten.

„Es gibt nach wie vor gute Chancen für Textilhändler“, so Augenstein und verweist auf alteingesessene Familienbetriebe und den Auftritt von Zara. „Es gibt viele Menschen, die nicht nur vor dem Bildschirm shoppen wollen.“ Von der Umweltbelastung durch die Paketflut des wachsenden Onlinehandels ganz zu schweigen.

Nach Angaben des Branchenfachblatts „Textilwirtschaft“ fielen die Umsätze der stationären Modehändler zwischen Januar und Juni um zwei Prozent, die Kundenzahl verringerte sich um vier Prozent und die Zahl der verkauften Stücke sogar um fünf Prozent. Dabei trafen die Umsatzeinbußen nicht nur kleinere und mittlere Händler, auch der schwedische Modekonzern H&M etwa musste in Deutschland jüngst Erlösrückgänge von fünf Prozent hinnehmen. Gleichzeitig ist der Umsatz mit Bekleidung im Internet nach Angaben des Bundesverbandes E-Commerce (bevh) im zweiten Quartal um neun Prozent auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen.

„Tatsächlich ist der Umsatz im ersten Halbjahr bundesweit leicht rückläufig“, bestätigt Einzelhandelssprecher Horst Lenk. Das gelte jedoch nur für den stationären Handel. Nimmt man jedoch die Gesamtumsätze (inklusive Onlinehandel) ergibt sich ein Plus von drei Prozent. Das Konsumbarometer zeige deutlich nach oben. „Viele meiner Kollegen setzen auf einen starken Herbst.“ August, September und Oktober seien klassische Einkaufsmonate, betont Lenk. „Da passiert noch viel.“ Ohnehin habe der Einzelhandel im ersten Halbjahr ein ungewöhnliches Auf und Ab erlebt – mit zweistelligem Umsatzplus Anfang Juni und deutlichen Einbrüchen im Verlauf des Monats Mai. Die Sommerkollektion habe sich recht gut verkauft, wenn auch mit deutlichen Preisnachlässen, erklärt Lenk.

„Wir müssen unsere Sortimente noch besser auf unsere Zielgruppe zuschneiden“, sagt der Pforzheimer Modehändler und langjährige Verbandspräsident. Man müsse den Kunden mit monatlichen Events ansprechen und die Warenpräsentation entsprechend abwechslungsreich gestalten, so Lenk.

Frühling ausgefallen

Gleich zwei Probleme machten der Branche im ersten Halbjahr zu schaffen: das ungewöhnliche Wetter, das nach einem März mit Rekord-Minustemperaturen im April praktisch übergangslos zu sommerlichen Temperaturen wechselte. So fiel der Frühling als Modesaison für Händler quasi aus.

Von der guten Kauflaune kommt in den Boutiquen und Modehäusern wenig an. Für den Handelsexperten Harms ist das kein Wunder: „Die Kleiderschränke sind schon jetzt bis zum Bersten gefüllt. Ein großer Teil der gekauften Kleidungsstücke wird, wie Umfragen zeigen, gar nicht mehr getragen.“

Gastronomie auf dem Vormarsch

Deutschlands Innenstädte sind im Umbruch. Der Textilhandel ist auf dem Rückzug, dafür machen in den Einkaufsstraßen immer mehr Cafés und Restaurants auf. Das Motto: Mehr essen, weniger shoppen. Und das dürfte erst der Anfang sein. Der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), Boris Hedde, sieht für die Zukunft noch einschneidendere Veränderungen. Er prognostiziert: „Die Innenstadt wird ein Erlebnispark.“ Dann fügt er noch hinzu: „Hoffentlich.“

Tatsächlich sehen sich die Einkaufsstraßen zwischen Kiel und Garmisch-Partenkirchen mit der größten Herausforderung seit Jahrzehnten konfrontiert. Die Verbraucher erledigen einen immer größeren Teil ihrer Einkäufe im Internet. Immer weniger Konsumenten finden deshalb noch den Weg in die Innenstädte.

Die Folge: Immer mehr klassische Modehändler müssen ihre Tore schließen. Und wenn die Räume neu vermietet werden, zieht immer öfter ein Gastronomiebetrieb in die verwaisten Räume. „Bei den Neuvermietungen in den Innenstädten liegt der Anteil der Gastronomie inzwischen bei über 20 Prozent, das ist mehr als doppelt so viel wie noch vor einigen Jahren“, berichtet Dirk Wichner vom Immobilien-Berater JLL. Vor allem Restaurantketten wie Vapiano, Alex, Extrablatt oder Hans im Glück seien auf dem Vormarsch.

Der „Immobilien Zeitung“ war das Comeback der Gastronomie in den Innenstädten bereits eine lange Geschichte wert. Ihr Titel: „Das große Fressen“. Die Kernbotschaft: „Lange wurden Gaststätten und Cafés aus den Innenstädten verdrängt, jetzt kehrt die Gastronomie zurück.“ Auch in der Goldstadt haben sich zuletzt einige attraktive Gastrobetriebe angesiedelt. Beispiele: Ein Italiener und ein neuer Grieche am Marktplatz sowie gleich mehrere Lokale in der Jägerpassage, die damit zur Pforzheimer „Freßgass“ avanciert.