nach oben
Wirtschaftsweise Peter Bofinger im PZ-Interview.
Wirtschaftsweise Peter Bofinger im PZ-Interview. © dpa
14.11.2013

Peter Bofinger zu Mindestlohn und Exportüberschüsse

PZ-Interview mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger über Mindestlohn, Exportüberschüsse und seine abweichende Meinung im Gremium.

PZ: Sie, die Wirtschaftsweisen, haben die künftige große Koalition ja ordentlich gerüffelt. Wird das etwas nützen?

Peter Bofinger: Diese starke Kritik kommt von meinen vier Kollegen. Ich selber sehe das nicht so problematisch. Ich würde auch nicht so weit gehen zu sagen, dass das eine rückwärtsgewandte Politik ist, was die Koalition plant. Ich finde, das sind schon die richtigen Fragen, die die Koalition angehen will. Das kann man auch an einem Beispiel festmachen: Der Mindestlohn soll ja angeblich ein Rückschritt sein. Ich seh’s genau umgekehrt. Alle zivilisierten Länder haben Mindestlöhne oder allgemeinverbindliche Tariflöhne. Damit schließen wir zu dem auf, was gang und gäbe ist.

PZ: Es gibt aber schon auch Ansichten, die Sie mit den anderen Wirtschaftsweisen teilen?

Peter Bofinger: Wir teilen die ganze konjunkturelle Einschätzung: Wir sagen gemeinsam, dass es jetzt allmählich wieder aufwärts geht. Wir sehen alle den positiven Effekt, dass die EZB die Märkte stabilisiert. Außerdem haben wir den deutschen Immobilienmarkt analysiert und sind zu der Überzeugung gelangt, dass sich hier keine Blase wie in Spanien entwickelt. Wir vertreten gemeinsam die Ansicht, dass man das Wohngeld erhöhen und stärker nach Städten differenzieren sollte. Wir glauben aber nicht, dass man eine Mietpreisbremse einführen sollte, einfach deshalb, weil das Investoren abschreckt. Wir brauchen aber gerade mehr Wohnungen – nicht weniger.

PZ: Wie ist das dann so, wenn man etwas mit unterschreibt, dem man gar nicht zustimmt?

Peter Bofinger: Ich hätte mir schon gewünscht, dass es mehr in meine Richtung geht, aber das gehört eben auch dazu. Der Punkt ist, und der spricht auch für meine Kollegen, dass wir stark differenzieren zwischen Fachlichem und Menschlichem. Wir haben eine sehr gute Atmosphäre untereinander, gehen abends oft zusammen essen.

PZ: Was sagen Sie eigentlich zu der viel gescholtenen Exportstärke der deutschen Wirtschaft? Finden Sie das in Ordnung, dass die EU dagegen vorgehen will?

Peter Bofinger: Gegen Exportstärke ist ja eigentlich nichts einzuwenden. Es ist ja ’ne tolle Sache, dass wir so viele wettbewerbsstarke Unternehmen haben, die so coole Produkte verkaufen. Das Problem ist, dass wir von dem vielen Geld, das wir einnehmen, zu wenig wieder ausgeben. Exportüberschuss heißt ja nichts anderes, als dass man in einem hohen Maße Geldforderungen gegenüber dem Ausland aufbaut. Das heißt, dass die deutsche Wirtschaft einen Betrag von 150 Milliarden Euro zusätzlich an Nettoforderungen jährlich hat.

PZ: Aber ist es nicht nur logisch, dass der Exportüberschuss des einen den Importüberschuss des anderen bedingt?

Peter Bofinger: Völlig logisch. Es geht aber nicht darum, dass wir weniger exportieren, sondern dass wir mehr importieren. Wir müssen mehr Geld ausgeben. Wir haben eine Investitionsschwäche in Deutschland, was die meisten Menschen gar nicht so sehen. Das ist der berechtigte Kern der Kritik sowohl der Amerikaner als auch der EU: Wir hatten die letzten beiden Jahre eine stagnierende Binnennachfrage, während die Exporte wuchsen. Das ist natürlich nicht sehr hilfreich, dass das stärkste Land im Eurobereich, auf dessen Dynamik alle angewiesen sind, im Binnenbereich stagniert.

Leserkommentare (0)