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09.03.2010

Pforzheimer Goldkettenfabrik schließt nach 105 Jahren

PFORZHEIM. In der traditionsreichen Pforzheimer Schmuckfabrik Böhmler & Schmauderer an der Tunnelstraße gehen zur Jahresmitte die Lichter aus. Die Produktion wird Ende Juni aufgegeben und die Firma liquidiert.

Eigentlich laufen derzeit die Vorbereitungen für die weltgrößte Uhren- und Schmuckmesse in Basel auf Hochtouren. Doch die Stimmung in einer der traditionsreichsten Schmuckkettenfabriken ist gedrückt. Firmenchef Frank Schmauderer ist sichtlich niedergeschlagen, als er gestern im Gespräch mit der PZ die Gründe für die Liquidation der Firma Böhmler & Schmauderer erläutert. Den 14 langjährigen Mitarbeitern in der Goldketten-Herstellung hat er fristgemäß gekündigt. Sein Großvater Robert Schmauderer hatte das von Emil Bohnenberger und Wilhelm Böhmler gegründete Unternehmen 1929 übernommen.

Keine andere Wahl

Ein katastrophaler Umsatzeinbruch um mehr als 40 Prozent auf den internationalen Absatzmärkten und in Deutschland – „eigentlich quer Beet“ – wie Frank Schmauderer anmerkt – ließ ihm zuletzt keine andere Wahl als die Geschäftsaufgabe, wobei alle Verpflichtungen gegenüber Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten erfüllt werden.

Betroffen von der Produktionsschließung ist auch die im Jahr 1857 gegründete Pforzheimer Goldketten-Manufaktur Louis Fiessler – die älteste Schmuckfabrik der Goldstadt. In den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war sie mit mehreren Hundert Mitarbeitern zugleich die größte Goldketten-Manufaktur der Welt. Sie wurde 1996 von Böhmler & Schmauderer erworben und als Schwester-Unternehmen fortgeführt. Bis heute werden die Goldketten in kunstvoller Handarbeit ausschließlich am Standort Pforzheim produziert. „Den Gesellschaftern ist es ein ernsthaftes Anliegen, die Kollektion von Louis Fiessler & Co weiterhin auf dem bekannten Niveau und mit demselben Qualitätsanspruch zu vertreiben“, betont Schmauderer. Um die Produktion auch künftig sicherzustellen, verhandelt er derzeit mit mehrere Kooperationspartnern. Ziel sei eine Fortführung am Standort Deutschland. Mit dem Messeauftritt in Basel soll die Neuausrichtung der Marke Louis Fiessler dokumentiert werden.

Der Werdegang des Traditionsunternehmens ist charakteristisch für die Pforzheimer Industriegeschichte des 19. Jahrhunderts. Die fortschreitende Industrialisierung mit steigenden Einkommen brachte neue Käuferkreise für Schmuck in billigen Preislagen. In jener Zeit entstanden in der Goldstadt zahlreiche Bijouteriefabriken. Der 1826 in Grötzingen geborene Louis Fiessler spezialisierte sein 1857 am Altstädter Kirchenweg gegründetes Unternehmen auf die Herstellung von Goldketten. 1860 beschäftigte Fiessler bereits 36 Mitarbeiter. Er war in Pforzheim eine angesehene Persönlichkeit und Mitglied des Stadtrats. Im Alter von 63 Jahren starb Louis Fiessler 1889. Seine Witwe führte den Betrieb als Mutter von sechs Kindern zunächst weiter, verkaufte jedoch 1892 an Valentin Bross und Emil Friedrich. Der Umzug an die Belfortstraße ermöglichte 1901 eine weitere Ausweitung der Produktion.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Aufwärtsentwicklung, zumal Russland als Hauptabnehmer schwerer Goldketten wegfiel. Außerdem wurden Uhrketten durch das Aufkommen von Armbanduhren weniger nachgefragt. Die wachsende wirtschaftliche Not veranlasste die Inhaber schließlich im Jahr 1919 die Goldkettenfabrik an Wilhelm Schaible und Julius Fuhrmann zu verkaufen, die nach und nach neue Absatzmärkte in der Schweiz, Spanien, Skandinavien und England erschlossen. Die Belegschaft stieg bis zum Jahr 1938 auf 240 Mitarbeiter. Der Zweite Weltkrieg stoppte die Hochkonjunktur jäh und mit der Zerstörung des Firmenareals am 23. Februar 1945 schien das Ende der Firma Louis Fiessler besiegelt.

Doch Julius Fuhrmann machte sich mit einigen Mitarbeitern an den Wiederaufbau. Willy Schaible kehrte 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er starb bereits vier Jahre später mit 49. Seniorchef Wilhelm Schaible überlebte seinen Sohn und starb im Januar 1957. Das Unternehmen wurde dann von Julius Fuhrmann und dessen Sohn Gert weitergeführt. Damals beschäftigte Louis Fiessler&Co zum 100-jährigen Bestehen fast 300 Mitarbeiter. Die in Handarbeit gefertigten Goldketten wurden neben Europa in Kanada, der Karibik und Südwestafrika und der Elfenbeinküste verkauft. 1965 wurde eine Vertretung in den USA eröffnet.