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17.07.2009

Pforzheimer Händler klagen über schlechte Situation

Möglicherweise gehören sie zu einer aussterbenden Spezies. Jahrzehntelang haben sie das Bild der innerstädtischen Einkaufswelt geprägt, haben mit ihren Fachgeschäften einen treuen Kundenstamm um sich geschart und in ihrer Vielfalt das dargestellt, was eine attraktive City ausmacht: die Inhaber geführten Fachgeschäfte.

Nun stehen diese kleinen Kreativen überall – aber in Pforzheim ganz besonders – mit dem Rücken zur Wand und klagen: „Es geht nicht mehr!“ Groß ist in Pforzheim die Zahl derer – und es liest sich fast wie ein Who’s who –, die in den vergangenen Jahrzehnten bereits aus dem Stadtbild verschwunden sind. Zermürbt vom Ansturm der meist europaweit agierenden und doch so gesichtslosen Filialisten und enttäuscht von einer potenziellen Klientel, der zunehmend jeder Sinn für das Besondere und Qualitätsvolle abhanden gekommen ist.

Vier aus dem Kreis dieser offenbar aussterbenden Spezies, die sich vehement dem Trend entgegenstellen, sind – beflügelt von einem Kommentar des PZ-Verlegers – in der Redaktion aufgetaucht, um ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Allesamt gestandene Pforzheimer Geschäftsleute; mit ihrem Angebot gehören sie zu den guten Adressen in der Stadt, wie sie überhaupt das Stadtgeschehen engagiert und – immer noch – mit positiver Denkungsart begleiten. Es sind Leute, „die sich wehren“ und die Frage stellen „Wo geht unser Pforzheim hin?“

Sie sagen „unser“ und meinen es wirklich. Denn von einem sind sie in geradezu patriotischem Bewusstsein überzeugt: „Wir haben in Pforzheim ungeahnte Chancen, aber wir nutzen sie nicht. Wir spielen weit unter unseren Möglichkeiten“, so Jutta Leipert, deren Parfümerie in der Dillsteiner Straße eine der besten Adressen in der Stadt ist.

Auch Feinkost-Anbieter Helmut Müssle redet Klartext: „Diese Stadt ist am Ende!“ Der agile Delikatessen-Händler liegt ohnehin mit der Stadtverwaltung seit Jahren im Clinch. Mit einer ganzen Bildergalerie dokumentiert er die Tristesse, die sich in unmittelbarer Rathausnähe auftut. Und wenn es dann darum geht, mit einer kleinen Verkaufsaktion seine Kunden zu erfreuen und dieser Stadt ein bescheidenes Maß an innerstädtischem Flair zu geben, dann haben die Rathaus-Bürokraten tausend Argumente parat, warum das nicht geht. Müssle entnervt: „Uns hat man so sehr in die Enge getrieben, jetzt mag ich fast nicht mehr!“

Viele Laden-Inhaber haben mutig der Entwicklung getrotzt, immer wieder privates Geld ins Geschäft gesteckt und dabei „fast die ganze Altersversorgung aufs Spiel gesetzt“. Da weiß Ruth Draheim wovon sie redet. Ihr Fachgeschäft Gummi-Bamb ist seit 1897 eine etablierte Adresse, aber Wehmut ergreift sie, die mit über 70 Jahren noch ihr Geschäft umtreibt, wenn sie sagt: „Es schmerzt einen, sehenden Auges den Niedergang erleben zu müssen.“

Die Bedeutung des Inhaber geführten Fachgeschäftes und seine eigenen Charakteristika beschwört auch Brigitte Eberlein. Mit attraktiver Damenmode war sie am Sedanplatz eine herausragende Adresse. Aber nun klagt sie: „Ich habe 15 Jahre lang viel Herzblut in meinen Laden gesteckt und gerne bedient, aber jetzt muss ich die Segel streichen!“ Während sich ein Großteil der etablierten Kundschaft – so bestätigt auch Jutta Leipert – vorzugsweise in Stuttgart orientiere, habe hier eine „etwas andere Klientel“ die Oberhand gewonnen: Der Ton der Kundschaft sei rüde geworden, die Leute wollten nicht mehr beraten werden – „Ich gucke nur...“.

Wenn selbst in 1a-Lage, so der Ärger der Handelsleute, die Verslumung ein erschreckendes Ausmaß angenommen habe, wildes Plakatieren, eine ausufernde Basar-Mentalität die Szene beherrschen und die Nachbarschaft nolens volens zur Fressgasse und Spielhölle mutiert, müssten alle Anstrengungen ins Leere laufen, Pforzheim wieder als attraktive Einkaufsstadt zu positionieren. Kein Wunder, wenn selbst das etablierte Bürgertum klagt: „Pforzheim hat keine Geschäfte mehr.“ Und wo, bitteschön, ist der Glamour?

In diesem Umfeld, das wissen die Einzelhändler aus vielerlei Kontakten, will sich auch kein Handelsmagnet wie Peek+Cloppenburg niederlassen. Hier gilt der Sprachgebrauch „Wir expandieren weiter, aber Pforzheim haben wir nicht im Fokus.“

Eiine PZ-Leserin beschreibt die Situation so: „Die schweigende Mehrheit hat offensichtlich resigniert. Latente Armut und Orientierungslosigkeit scheint sich, gepaart mit schlechtem Geschmack, als schleichendes Gift langsam prägend über die Stadt zu legen. Wieso ist eine Stadt mit hervorragenden Designern und einer bedeutenden Hochschule so hässlich in der Außendarstellung?“

In welch rasantem Tempo sich die Pforzheimer Handelslandschaft verändert, das wird jedem deutlich, der mit offenen Augen durch die Stadt geht. Da finden selbst die ansonsten betont höflichen und jeder Fremdenfeindlichkeit abholden Geschäftsleute deutliche Worte, denn längst kennen sie die Mechanismen, nach denen die innerstädtischen Leerstände gestopft werden. Frank Eberlein: „Gelitten hat dabei die Aufenthaltsqualität.“

Sie wieder herzustellen, urbanes Flair zu schaffen – die Geschäftsleute halten es für die vordringlichste Aufgabe überhaupt. Aber Helmut Müssle bleibt skeptisch: „Bis die Pläne der städtischen Strategen zu wirken beginnen, ist die Stadt tot!“

Dennoch – und das macht ihre Kritik glaubwürdig – sind alle Händler mit positiver Denkungsart bei der Sache. Sie wissen sehr wohl, dass es nicht die Aufgabe der Kommune ist, ihr Geschäft in Schwung zu halten; wohl aber muss die Stadt für jene Rahmenbedingungen sorgen, die ein erfolgreiches Wirtschaften erst möglich machen. Denn unverändert ist es der Handel, der das Gesicht einer Stadt prägt.

Ich will nichts Übermäßiges von der Stadt fordern, ich will mich einbringen“, sagt deshalb auch Jutta Leipert, die – gestützt auf eine treue Stammkundschaft – unverändert sehr erfolgreich arbeitet, und Helmut Müssle assistiert: „Wir müssen die Negativ-Diskussion verlassen!“
Wichtigste Voraussetzung dazu: „Die Stadt muss mit uns Einzelhändlern reden“, sagt Jutta Leipert. Sie will das Rad nicht neu erfinden, wünscht sich aber eine Urbanität, wie sie beispielhaft in der kleinen Großstadt Nagold zu besichtigen ist. Und an die Adresse des CityMarketings gerichtet: „Wenn wir mal gefragt worden wären...“

Und erneut wird deutlich, dass dem Inhaber geführten Fachgeschäft mit seinen wertigen Handelswaren und seinen im Grunde anspruchsvollen Kunden der bislang praktizierte City-Rummel suspekt ist: „Wir brauchen hochwertige Anlässe, so wie das Oktoberfest am Sedanplatz, das mit wenigen finanziellen Mitteln organisiert wurde und wo sich 5000 Menschen sehr wohl gefühlt haben.“

Pforzheim als Einkaufsstadt, ein schwieriges Unterfangen. Aber ganz deutlich wird: Der zunehmend erodierende innerstädtische Fachhandel – im Übrigen alles andere als homogen –, mit seinen noch aktiven Pforzheimer Geschäftsleute ist an der Schmerzgrenze angelangt. Mit ihren Vorstellungen haben sie bei Gemeinderat und Verwaltung kein Gehör gefunden. Tief sitzt deshalb der Frust: „Nicht ohne Grund hat die CDU fünf Sitze abgeben müssen.“ Wie viele andere Handelsleute haben sie auf ihre Weise den Wechselwillen und die grundsätzliche Unzufriedenheit an der Wahlurne demonstriert.

Und wenn die Stimmungslage nicht täuscht, dann hat der Handel einen neuen Hoffnungsträger: den Sozialdemokraten Gerd Hager, den die schweigende Mehrheit gerade auf den Chefsessel des Rathauses gehievt hat.