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Ziehen an einem Strang  – oder sägen auch mal gemeinsam dicke Bretter: Günter (rechts) und Thomas Merkle von der gleichnamigen Pforzheimer Möbelwerkstätte.
Ziehen an einem Strang – oder sägen auch mal gemeinsam dicke Bretter: Günter (rechts) und Thomas Merkle von der gleichnamigen Pforzheimer Möbelwerkstätte.
16.07.2010

Pforzheimer Möbelwerkstätte Merkle: "Stücke für die Ewigkeit"

Es riecht nach Holz und Lack, hier und da stehen unbehandelte Bretter, zwei Fensterläden warten gut verpackt auf ihre Auslieferung. Über die alte Werkbank in der hinteren Ecke der Werkstatt hat sich ein matter Holzstaub-Schleier gelegt. Es ist ein Ort der Arbeit, aber auch ein Ort zum Wohlfühlen – bodenständig, ehrlich und auf ganz eigene Weise naturverbunden: die Möbelwerkstätte Merkle gleich neben der Schlösslegalerie. Ein ungewöhnlicher Sitz für einen Handwerksbetrieb, wie Merkle es seit nunmehr drei Generationen ist.

„Wir haben schon manches Mal über einen Wechsel nachgedacht“, erzählt Günter Merkle. Was immer wieder dagegen gesprochen habe, sei das Schaufenster, an dem Passanten vorbeiliefen. „Wir bekommen viele Anfragen auf diesem Wege rein“, bestätigt sein Sohn, Thomas Merkle, der 2002 das Geschäft vom Vater übernommen hat.

Der 73-Jährige hat die 1936 von Gustav Merkle gegründete Schreinerei im Jahr 1975 übernommen. 26 Jahre lang hat er dort die Geschäfte geführt und das Angebot der Schreinerei auf Innenausbauarbeiten erweitert. „Nach dem Krieg waren solche Dinge nicht gefragt“, sagt er. Damals sei es vor allem um Bautischlerei gegangen. „Es war alles kaputt, die Menschen brauchten neue Türen und Böden“, erzählt er vom Geschäft seines Vaters. Als es der Bevölkerung nach und nach besser gegangen sei, wurden immer häufiger Schrankwände, Deckenvertäfelungen oder Trennwände nachgefragt. „Darauf haben wir uns eingestellt“, so der gelernte Schreinermeister.

Im Vergleich dazu hat sich das Geschäft Thomas Merkle zufolge stark verändert. „Heute werden solche Stückzahlen wie damals nicht mehr verkauft“, berichtet er und erwähnt, dass der Betrieb kleiner geworden sei. „Wir wollen individueller werden“, sagt der 44-Jährige. Es gehe mehr um Sonderanfertigungen für den Innenausbau. Die Herausforderung bestehe dabei in der individuellen Betreuung. Man müsse zunächst einmal herausfinden, was überhaupt gewünscht werde. Manche Kunden benötigten eine umfassende Beratung, andere kämen mit fertigen Skizzen und konkreten Vorstellungen. Und dann sei da immer noch die Kostenfrage. Die Möbelwerkstätte Merkle fertige letztlich Einzelstücke – „Stücke für die Ewigkeit“, wie er sagt, und ein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit – wenngleich große Emotionen auf den ersten Blick nicht unbedingt Thomas Merkles Sache sind. Er ist Realist, steht fest mit beiden Beinen auf dem Boden.

„Einer der schönsten Berufe“

Vater Günter Merkle hingegen gerät ein wenig ins Schwärmen, wenn er über die Firma spricht. „Ich war schon immer viel in der Schreinerei. Für mich gab es nix anderes als mit Holz zu arbeiten“, erinnert er sich und stellt fest: „Das ist einer der schönsten Berufe – für mich.“ Holz sei ein wunderbares Material. „Es lebt, man kann es fast mit einem Menschen vergleichen – kein Baum ist wie der andere“, sagt er. Und der Bau eines Möbelstücks sei ein kreativer Prozess. „Ich habe damals die Entwürfe noch auf dem Reißbrett gezeichnet“, so Merkle. Sohn Thomas hingegen fertigt seine Entwürfe heutzutage am Computer an. „Ich wollte nie damit arbeiten“, so Günter Merkle. Doch dann habe er einen vhs-Kurs für Senioren gemacht, erzählt er schmunzelnd. Inzwischen arbeite er auch gerne mit dem Computer. Was sich ganz danach anhört, dass der 73-Jährige noch immer regelmäßig ins Geschäft kommt. Doch der Eindruck täuscht: „Er ist immer seltener da, das hat fast jährlich nachgelassen, kann man sagen“, so Thomas Merkle. In den ersten fünf Jahren nach Übergabe ist er noch jeden Morgen mit ins Geschäft gekommen, erzählt der Sohn. Doch wenn man Günter Merkle nach seinem Lieblingsplatz in der Schreinerei fragt, muss er lange überlegen. „Eigentlich ist es einfach ein Raum, in dem man arbeitet, Aufträge erledigt … an sich bin ich am liebsten zu Hause im Garten“, gesteht er. Die Übergabe des Geschäfts vom Vater an den Sohn hat reibungslos funktioniert. Da sind sich beide einig. „Mach Du Dein Ding“, lautete Günter Merkles Credo. „Er hat mich beraten, aber ich hatte freie Hand“, sagt Sohn Thomas.

Die letzte Generation

Dass die Schreinerei nicht in Familienhand bleiben wird, es nach der dritten also keine vierte Generation Merkle geben wird, betrübt Vater und Sohn nicht so sehr. „Unser Meister wird den Betrieb nach heutigem Stand eines Tages übernehmen“, sagen sie. Er habe noch beim Vater gelernt und sei inzwischen Anfang 30. „Wir kennen uns sehr gut, er gehört ein Stück weit zur Familie“, sagt Günter Merkle. Und sein Sohn pflichtet ihm bei: „Das ist eine gute Regelung.“

Yvonne Dast-Kunadt