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Timo Gsell in seiner Saturn-Filiale an der Karlsruher Straße im Pforzheimer Gewerbegebiet Wilferdinger Höhe. Foto: Seibel
Timo Gsell in seiner Saturn-Filiale an der Karlsruher Straße im Pforzheimer Gewerbegebiet Wilferdinger Höhe. Foto: Seibel
Timo Gsell im Gespräch mit dem Geschäftsführenden Verleger Thomas Satinsky (rechts) und PZ-Redakteur Stefan Dworschak.  Foto: Seibel
Timo Gsell im Gespräch mit dem Geschäftsführenden Verleger Thomas Satinsky (rechts) und PZ-Redakteur Stefan Dworschak. Foto: Seibel
27.11.2015

Pforzheimer Saturn-Chef Timo Gsell: „Man hat uns Handschellen angelegt“

Der große öffentliche Streit um Beschränkungen für die Wilferdinger Höhe bei innenstadtrelevanten Sortimenten ist abgeflaut. Doch das Thema beschäftigt die Händler in Pforzheims größtem Gewerbegebiet weiterhin, wie Saturn-Geschäftsführer Timo Gsell im PZ-Interview erklärt. Er kritisiert die Maßnahmen der Stadt – und betont zugleich die Bedeutung einer attraktiveren Innenstadt.

PZ: Herr Gsell, wie laufen die Geschäfte in der Vorweihnachtszeit?

Timo Gsell: Definitiv schleppend. Wir haben in den vergangenen Jahren beobachtet, dass das klassische Weihnachtsgeschäft immer weiter nach hinten rutscht. Wir sind daher vorbereitet, stehen Gewehr bei Fuß.

PZ: Und insgesamt?

Timo Gsell: Die Margen sind kleiner geworden. Darauf stellen sich die Händler ein. Der Kampf hat mit dem Zeitalter des Internets angefangen. Da gab es Preise, die für normale Händler nicht nachvollziehbar waren – durch Grauimporte. 2004 ging es los. 2005 war der Trend dann voll da.

PZ: Saturn hat sich mit dem Internet ziemlich Zeit gelassen. Kämpfen Sie noch? Immerhin ist das Internet weiterhin das große Thema im Handel.

Timo Gsell: Bei Saturn war das ein sehr später Schritt. Es gab lange Überlegungen, wie man das lange Zeit als Konkurrenz gesehene Internet nutzen kann – bis die Planer in Ingolstadt die geniale Idee hatten: Mein Internetshop gehört mir. Es ist einfach eine Verlängerung des lokalen Regalsortiments.

PZ: Und die Leute kommen trotzdem in den Laden?

Timo Gsell: Ja. Ich sehe das immer sonntags an den Bestellungen auf dem Handy: Da wird sehr häufig Bezahlung im Laden und Abholung im Laden gewünscht. Ich glaube, dass Menschen am liebsten lokal kaufen. Wir sind soziale Wesen. Ich sage meinen Mitarbeitern immer, dass es viel einfacher ist, von Angesicht zu Angesicht zu verkaufen, als per Klick. Die Menschen wollen den Kontakt und die Entscheidungshilfe.

PZ: Ein weiteres – Pforzheimer – Dauerthema ist die Stadtentwicklung. Auch auf der Wilferdinger Höhe, die im Zuge des Märkte- und Zentrenkonzepts Beschränkungen unterliegt. Wie ist die Stimmung auf der Wihö?

Timo Gsell: Nicht schlecht, aber ich habe den Eindruck, wir werden manchmal in ein Licht gerückt, das nicht zu uns passt, in eine Richtung geschoben, in die wir nicht gehören. Als ob wir die Lage der Innenstadt verursacht hätten.

PZ: Fühlen Sie sich als Konkurrenz zur City?

Timo Gsell: Nein. Es ist ein Miteinander und kein Wettbewerb. Ich bekomme aber über Dritte mit, dass das dort zum Teil anders gesehen wird, etwa, wenn es darum geht, Aktionen zu planen. Das finde ich sehr schade.

PZ: In der Diskussion um die Erweiterungssperre für innenstadtrelevante Sortimente kochten die Emotionen hoch. Wie sehen Sie die Maßnahmen heute?

Timo Gsell: Man hat uns hier oben Handschellen angelegt. Die Erweiterungsmöglichkeiten sind gleich null. Sie brauchen nicht mal daran zu denken, Antrag auf 20 Quadratmeter mehr Verkaufsfläche zu stellen.

PZ: Die Idee dahinter ist, das bestehende Ungleichgewicht auszugleichen.

Timo Gsell: Ich sehe kein Ungleichgewicht. Wer in die Innenstadt geht, möchte Shops haben, sich in Cafés setzen. Da gehen Sie nicht hin, um im Baumarkt einzukaufen. Anders hier oben. Wir haben Zielkäufer, die kein Laden-Hopping betreiben. Niemand kommt zum Flanieren auf die Wilferdinger Höhe. Es stimmt, dass wir in Pforzheim eine kranke Innenstadt haben, die entwickelt werden muss. Das ist absolut richtig. Auch dass es dafür ein Gesamtkonzept gibt, finde ich gut. Ich beneide den Oberbürgermeister absolut nicht um die Menge an Baustellen, die er zu bewältigen hat, und bin auch für die neue Gestaltung. Der Grund für die Probleme ist aber nicht die Wilferdinger Höhe. Die ist vielmehr ein starker Magnet, der der ganzen Stadt nützt.

PZ: . . .aber weitgehend ungeplant gewachsen ist und Frequenz von der Innenstadt abschöpft, so die Kritik an der langjährigen Praxis.

Timo Gsell: Abschöpfen würde ich das nicht nennen. Viele Kunden würden sonst überhaupt nicht in die Stadt kommen. Die Wilferdinger Höhe war als Gegengewicht zu Stuttgart und Karlsruhe gedacht. Und ich bin überzeugt, Pforzheim hätte nicht mehr den Stellenwert, wenn es sie nicht gäbe. Heute hat die Konkurrenz noch zugenommen. Wir haben viele Mittel- und Kleinzentren um uns herum und müssen aufpassen, dass Pforzheim nicht insgesamt unattraktiver wird. Eine schwächere Wihö nützt niemandem. Wenn die Innenstadt wieder attraktiv ist, werden auch Kunden von der Höhe sie wieder besuchen. Dass es dazu kommt, ist Aufgabe der Wirtschaftsförderung und der Eigentümer.

PZ: Wie zufrieden sind Sie allgemein mit der Wirtschaftsförderung, des städtischen Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim?

Timo Gsell: Aus meiner Sicht ist der WSP vor allem Förderung für die Innenstadt. Ich habe, seit ich 2011 Geschäftsführer wurde, kein Austauschgespräch geführt. Beim einzigen direkten Kontakt ging es um die Handhabung von Plastiktüten. Gerade vor dem Hintergrund der Innenstadtbelebung erschließt sich mir auch die Entscheidung nicht, das Möbelzentrum Pforzheim im Norden anzusiedeln. Das bedeutet einen zusätzlichen Schwerpunkt.

PZ: Der Vergleich Innenstadt und Gewerbegebiete ist auch ein Vergleich zwischen größeren Händlern und kleineren Einzelhändlern. Haben Letztere überhaupt eine Chance?

Timo Gsell: Selbstverständlich. Es gibt viele kleine Einzelhändler, die einen ganz tollen Job machen. Gerade in der Innenstadt. Ich kaufe selbst da ein. Wir als Großflächen können manchmal gar nicht leisten, was sie leisten. Es geht darum, seinen Bereich zu finden, seine Nische zu besetzen.

PZ: Macht das Handeln trotz allem noch Spaß?

Timo Gsell: Ja, auf jeden Fall. Es gibt wie bei allen Berufen Höhen und Tiefen, aber es ist eine tolle Arbeit, und ich habe es nicht bereut, 2011 aus Koblenz in meine Heimatstadt zurückgekommen zu sein. Nur den Rhein vermisse ich manchmal.

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