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Wer sitzt am längeren Hebel: VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech (links) oder Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking.
Wer sitzt am längeren Hebel: VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech (links) oder Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking. © Lübke, dpa
15.09.2008

Porsche gegen VW: Nun steht offenbar Piech auf der Abschussliste

STUTTGART. Der Machtkampf um VW und Porsche ist auf einen neuen Höhepunkt eskaliert. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ging eine offene Konfrontation mit anderen Mitgliedern der Porsche-Eigentümerfamilien ein. Nun prüften sie, ob sie den VW-Patriarchen vom Chefposten im Volkswagen-Kontrollgremium drängen können, berichten „Spiegel“ und „Focus“ in ihren neuen Ausgaben.

Dafür bedürfte es allerdings der Zustimmung des Landes Niedersachsen, das am Wochenende alle Parteien zur Versöhnung aufrief. Porsche hält gut 30 Prozent an Volkswagen und steht vor der Übernahme des Wolfsburger Konzerns. Seit Monaten gibt es auf verschiedenen Ebenen heftige Kämpfe um die künftige Machtverteilung.

Auslöser für die harte Haltung der anderen Mitglieder der Familien Porsche Piëch gegenüber Ferdinand Piëch sei der Eklat bei der Aufsichtsratssitzung am Freitag, berichten die Magazine. Piëch hatte mit einer Stimmenthaltung einen Antrag der VW-Arbeitnehmerseite passieren lassen, wonach Geschäfte zwischen Porsche und der Volkswagen-Tochter Audi nur mit Zustimmung des Wolfsburger Aufsichtsrates geschlossen werden dürfen. Damit fiel er dem Porsche- Konzern, bei dem er selbst Miteigentümer ist, in den Rücken. Der Antrag wurde mit zehn Stimmen der Arbeitnehmerseite angenommen, während neun Arbeitgebervertreter geschlossen dagegen stimmten. Piëch hat als Vorsitzender des Aufsichtsrates zwei Stimmen.

Mehr noch: Piëch war bei der Sitzung nicht anwesend. Er habe sein Votum schriftlich abgegeben und sich vom ehemaligen IG-Metall-Chef Jürgen Peters vertreten lassen, hieß es. Auch dies kann als Affront interpretiert werden: Die Gewerkschaft hatte parallel zur Sitzung die größte Demonstration in der Geschichte des Wolfsburger Autobauers mit 40 000 VW-Beschäftigten veranstaltet. Sie demonstrierten für den Erhalt des umstrittenen VW-Gesetzes, das unter anderem Porsche abschaffen will. Auch in seiner neuen Fassung sichert das Gesetz mit der Sperrminorität von 20 Prozent faktisch ein Vetorecht für das Land Niedersachsen.

In VW-Aufsichtsratskreisen hieß es am Sonntag, dass eine Absetzung Piëchs als Aufsichtsratschef als unrealistisch betrachtet werde. Piëch sei auf der Kapitaleignerseite nicht isoliert. Es werde ihm auch angerechnet, dass er sich für die Interessen von mindestens 70 Prozent der Aktionäre von VW eingesetzt habe.

Die Machtkämpfe um VW und Porsche laufen auf mehreren Fronten. Früheren Medienberichten zufolge strebt Ferdinand Piëch eine Ablösung von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking an. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh lieferte sich in den vergangenen Monaten zudem einen heftigen Schlagabtausch mit seinem Porsche-Kollegen Uwe Hück um den künftigen Einfluss.

Der Familienclan Porsche/Piëch, der das Sagen bei der Porsche- Holding hat, in der der Sportwagenbauer und der VW-Konzern zusammengeführt werden sollen, machte schon am Freitag keinen Hehl aus der Unzufriedenheit mit Ferdinand Piëch. Wolfgang Porsche, sein Cousin und Chef des Porsche-Aufsichtsrates, ließ verlauten: „Ich bin entsetzt über das Abstimmungsverhalten des Aufsichtsratsvorsitzenden.“ Wolfgang Porsche sitzt auch im VW- Aufsichtsrat. „Die Porsche-Leute waren vollkommen konsterniert“, sagte ein Teilnehmer der Sitzung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Konzerne VW und Porsche wollten sich am Samstag zu den Berichten nicht äußern.

Dem „Spiegel“ zufolge hatten die Familien Ferdinand Piëch vor der Aufsichtsratssitzung aufgerufen, gegen den umstrittenen Antrag der VW-Arbeitnehmerseite zu stimmen. Dafür hätten sie ihm einen Brief schreiben müssen, denn Piëch sei zu einem Treffen der Familien vor rund zwei Wochen nicht erschienen. Den Brief beantwortet habe er auch nicht, hieß es.

Der Porsche-Konzern besitzt zwar bereits gut 30 Prozent an VW und will sich den Wolfsburger Autobauer einverleiben - eine Mehrheit gegen Piëch würde jedoch von der Position des Landes Niedersachsen, das etwa ein Fünftel der Stimmrechte hält. Niedersachsen, der zweitgrößte Aktionär, dessen Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) einst als Piëch-Kritiker galt, rief die Streitparteien am Samstag zur Versöhnung auf. „Die Landesregierung wünscht sich, dass die starken Persönlichkeiten Wolfgang Porsche, Ferdinand Piëch, Wendelin Wiedeking, Bernd Osterloh und Uwe Hück aufeinander zugehen, miteinander reden und sich verständigen“, sagte ein Sprecher.

Der Sprecher der Landesregierung wollte zu der Situation nicht konkret Stellung nehmen, sondern sagte lediglich: „Einigungen sind möglich zu Fragen der Mitbestimmung und mit dem Land Niedersachsen zu Fragen der Satzung des VW-Konzerns.“ Entscheidend sei, dass das Vertrauen zwischen allen Beteiligten wachse, denn in wenigen Tagen werde ein faktischer Porsche/VW-Konzern bestehen. Dann müsse es heißen, miteinander gegen die weltweite Konkurrenz. Schließlich wolle der VW-Konzern spätestens 2018 der weltgrößte Autohersteller sein. dpa