nach oben
Der Konjunkturmotor wird 2016 vom Inlandskonsum angetrieben.  Helbig
Der Konjunkturmotor wird 2016 vom Inlandskonsum angetrieben. Helbig
Professor Helmut Wienert
Professor Helmut Wienert
18.02.2016

Professor der Hochschule Pforzheim gibt einen Ausblick auf das Jahr

Die gute Nachricht zuerst: Der konjunkturelle Ausblick auf dieses Jahr sei erfreulich. Professor Helmut Wienert sieht die Entwicklung aus 2015 „weiter positiv durchlaufen“. Er rechnet mit einer Wachstumsrate von 1,5 bis zwei Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen steige. Hingegen sinke die Arbeitszeit. Auf jeden deutschen Beschäftigten entfallen pro Jahr rund 1300 Arbeitsstunden. In den USA seien es 2000 Stunden.

„Was bewegt die Wirtschaft 2016?“ Diese Frage versuchte der Volkswirtschaftsprofessor von der Hochschule Pforzheim am Dienstagabend beim Wirtschaftsforum Nordschwarzwald zu beantworten (die PZ hat berichtet). Die nunmehr vierte Auflage dieser Jahresveranstaltung ist ein Gemeinschaftsprodukt der Wirtschaftsjunioren (WJ) Nordschwarzwald und der Sparkasse Pforzheim Calw.

Was treibt den Konjunkturmotor in diesem Jahr an?

Laut Wienert wird es einen Wechsel von der exportgetriebenen Konjunktur hin zum Nachfrageschwerpunkt aus dem Inland geben. Die Verbraucherstimmung werde in diesem Jahr robust sein. Die Baunachfrage ziehe an. „Insgesamt also positiv“, beurteilte der Volkswirtschaftler.

Warum läuft es nicht besser, obwohl alle Signale auf Grün stehen?

Das beantwortet Wienert mit Unsicherheiten auf dem Globus, etwa wirtschaftliche Einbrüche oder Stagnation in Teilen der Welt. Außerdem nannte er fallende Rohstoffpreise, die für Saudi Arabien, vor allem aber für Russland katastrophale Folgen hätten. An den Finanzmärkten herrsche höchste Nervosität und nach dem Grexit (ein mögliches Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone) drohe nun auch noch der Brexit (der drohende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union). Hinzu komme im Zuge der Flüchtlingskrise die Schengen-Diskussion und damit verbunden einzelne Forderungen nach einem Schließen der Innengrenzen – „das wäre eine Katastrophe für die Wirtschaft“, sagte Wienert.

Wie wirkt sich der Flüchtlingsstrom auf Deutschland aus?

Das hohe Niveau des Zustroms werde wohl bleiben. Auf der einen Seite wirke sich dies wie ein Konjunktur-Feuerwerk aus, weil der Staat tief in die Tasche greifen müsse, um Unterbringung, Betreuung und Ausbildung zu finanzieren. Insgesamt müssten 12 bis 25 Milliarden Euro aufgebracht werden. Fahrschulen, Übersetzer und Immobilien-Makler – um nur einige wenige zu nennen – profitierten von diesem Ausgabenprogramm. Andererseits: „In den nächsten drei bis fünf Jahren rutschen wir in ein Staatsdefizit hinein.“

Wie sieht die Langfrist-Per-spektive der Flüchtlinge aus?

Die Integration sei die zentrale Frage, so der Professor. Beim Blick auf die Anforderungen und den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft einerseits und auf die Menschen, die nach Deutschland drängen, andererseits stellt Wienert fest: „Angebot und Nachfrage stimmen nicht überein.“ Schon seit geraumer Zeit würden geringqualifizierte Jobs hierzulande abgebaut, der Fokus liege auf Hightech-Berufen. Hingegen sei ein Teil der Zugewanderten schlecht oder nicht ausgebildet und spreche unzureichend die deutsche Sprache. „Das erfordert hohe Investitionen von Staat und Zivilgesellschaft.“ Eine Standardannahme sei, „dass nach fünf Jahren höchstens 50 Prozent integriert sein werden“. Dies sei zwar lediglich Spekulation, aber, so der Volkswirtschaftler: „Ich bin sehr skeptisch.“