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Protest gegen Stellenabbau bei Mahle Behr in Mühlacker.  Foto: Meyer 

Proteste statt Feierstunde: Mahle zum 100. Firmen-Jubiläum tief in der Krise

Stuttgart/Mühlacker/Pforzheim. Dem Autozulieferer Mahle machen zu seinem 100. Geburtstag nicht nur die Transformation in der Autoindustrie und das Coronavirus zu schaffen. Das Jubiläum wollte der Stuttgarter Autozulieferer Mahle am Dienstag groß feiern. Einen offiziellen Festakt sollte es geben, dazu Aktionen für die Beschäftigen, sogar Familientage. Und nun: alles abgesagt. Die Pandemie lasse solche Veranstaltungen derzeit nicht zu, heißt es offiziell von Unternehmensseite. Allerdings hätten solche Partys wohl auch ohne Pandemie kaum zum Gefühlszustand im Traditionskonzern gepasst.

Die Stimmung in der Belegschaft sei schlecht, das Vertrauen in die Führung um Geschäftsführer Jörg Stratmann auf einem Tiefpunkt, hört man aus der Firma, die mit der Transformation in der Autoindustrie ebenso sehr zu kämpfen hat wie mit den Auswirkungen der Pandemie. Beim Stiftungsunternehmen haben sich Baustellen en masse angehäuft.

Viele hoch spezialisierte Betriebe seien vom Geschäft mit Verbrennungsmotoren fast gänzlich abhängig gewesen, sagt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. Weil solche Komponenten schon in wenigen Jahren keine Rolle mehr spielen könnten, müsse sich das Geschäftsmodell dieser Firmen nun radikal ändern. Das gelte nicht nur für Mahle, sondern auch für Mitbewerber wie Bosch, ZF, Conti, Eberspächer, Schaeffler oder ElringKlinger.

Trübe Lage schlägt sich aufs Betriebsklima nieder

Die trübe Lage schlägt sich bei Mahle auch aufs Betriebsklima nieder. Martin Röll von der IG Metall Stuttgart sagt: „In der Belegschaft gibt es erhebliche Zweifel, ob die Firmenleitung wirklich den Willen hat, den Laden zukunftsfähig aufzustellen. Gesamtbetriebsratschef Jürgen Kalmbach sagt, Mahle sei jahrelang vor allem durch Zukäufe gewachsen, dennoch habe die Firma die Arbeitsabläufe nicht vereinheitlicht oder verschlankt. Die Workflows seien schlecht. „Man hat lange verpennt, in der Strukturierung des Betriebs seine Hausaufgaben zu machen.“

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Wirtschaft

Jeder Sechste bei Mahle Behr Mühlacker verliert bis Ende 2021 seinen Job

Der Kolbenspezialist Mahle übernahm 2013 die Mehrheit am Stuttgarter Nachbarn Behr. Mahle hatte seinen Anteil im Jahr 2011 auf fast 37 Prozent erhöht und den Kühlerbauer mit seinen Werken in Pforzheim und Mühlacker aus einer finanziellen Schieflage gerettet. Seit 1970 produzierte der Stuttgarter Behr-Konzern in seinem Pforzheimer Werk an der Eutinger Straße Kühler und Klimaanlagen für Autos und Lastwagen. 230 Mitarbeiter waren dort Ende 2015 noch tätig.

Die Produktion aus dem Pforzheimer Werk wurde nach Mühlacker, Kirchberg und in die Slowakei verlagert. Allein in der Region Mühlacker/Pforzheim fielen 2016 rund 370 Arbeitsplätze bei Mahle Behr weg. Im September 2020 wurde bekannt, dass Mahle jeden sechsten Arbeitsplatz in Mühlacker streichen will.

Geschäftsführer Stratmann in der Kritik

In der Kritik steht nach dpa-Informationen vor allem Geschäftsführer Stratmann. Dem 51-Jährigen wird aus Mitarbeiterkreisen vorgeworfen, er könne die Beschäftigten nicht mitnehmen, habe keine Visionen und kenne sich technologisch schlecht aus. Betriebsratschef Kalmbach beklagt eine mangelnde Präsenz der Chefriege. Seit dem Corona-Ausbruch seien „unsere Häuptlinge abgetaucht“, vor allem vom „Kapitän auf der Brücke“ sehe man wenig. „Es gibt ein paar wenige Verlautbarungen und fertig.“

Dazu kommt der ungebremste Stellenabbau. Bereits in den vergangenen Jahren wurden weltweit Tausende Stellen gestrichen – teils nach dem Gießkannenprinzip quer durch verschiedenste Abteilungen, wie Insider berichten. Nun sollen weitere 7600 der übrigen 77.000 Jobs wegfallen, davon 2000 in Deutschland.

Von Stellenstreichungen sind hierzulande zehn Standorte betroffen. Allein am Stammsitz in Stuttgart sollen nach Betriebsratsangaben 900 Jobs wegfallen. Die Produktionsstätte im baden-württembergischen Gaildorf mit rund 300 Mitarbeitern sowie das Werk im sächsischen Freiberg mit 85 Mitarbeitern sollen geschlossen werden. Grundsätzlich könne man betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen, heißt es.

Male macht 2019 Verlust von 212 Millionen Euro

Im vergangenen Jahr machte Mahle einen Verlust von 212 Millionen Euro. Der Konzern bezeichnet sich als gut aufgestellt, erzielt rund 60 Prozent des Umsatzes mit Produkten abseits von Verbrennungsmotoren. Dennoch bezeichnet Dudenhöffer die Lage als kritisch.

Zwar habe Mahle versucht, mit dem Thermo-Management und der Klimatisierungstechnik neue Geschäftsfelder aufzubauen, und spiele nun auch bei elektrischen Antrieben mit. „Aber genau hier gehen sehr viele rein – und der Nachbar Bosch hat schon einen großen Erfahrungshintergrund bei Elektromotoren und mechatronischen Bauteilen.“