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Die neue Chefin der Arbeitsagentur Nagold-Pforzheim, Martina Lehmann, hat gestern im Rahmen eines Empfangs ihr Amt angetreten. Ihr Vorgänger  Jürgen Schwab wurde in den Ruhestand verabschiedet.   Löffler
Die neue Chefin der Arbeitsagentur Nagold-Pforzheim, Martina Lehmann, hat gestern im Rahmen eines Empfangs ihr Amt angetreten. Ihr Vorgänger Jürgen Schwab wurde in den Ruhestand verabschiedet. Löffler
06.11.2015

Qualifikation der Flüchtlinge geringer als die anderer Migrationsgruppen

Nagold. Gibt es den Fachkräftemangel in Baden-Württemberg? „Nein. Wir haben ihn nicht.“ Das sagte Christian Rauch in seinem Vortrag „Strategie zur Sicherung des Fachkräftebedarfs“. Rauch ist Chef der baden-württembergischen Arbeitsagentur in Stuttgart Ältere Arbeitnehmer wer- den in Südwest-Betrieben kaum länger gehalten.

Gestern kam er in den Nordschwarzwald, um die neue Chefin der Agentur Nagold-Pforzheim, Martina Lehmann, beim Eintritt in ihr Amt zu begleiten – und um den bisherigen Amtsinhaber Jürgen Schwab mit lobenden Worten in den Ruhestand zu verabschieden. Das Ganze fand im Rahmen eines „Arbeitsmarktgesprächs“ in der Seminarturnhalle in Nagold statt. Zu den Gästen zählten Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Also tatsächlich kein Fachkräftemangel, Herr Rauch? „Wir haben in Baden-Württemberg in einzelnen Regionen und einzelnen Berufen Engpässe. Wir haben aktuell jedoch keinen flächendeckenden Fachkräftemangel – und ich sehe ihn auch zukünftig nicht“, beharrte der baden-württembergische Agenturchef auf seiner Feststellung. Gleichwohl hob er hervor: „Ich verkenne nicht die angespannte Situation, wie sie zum Beispiel in den Gesundheitsberufen vorherrscht.“ Ohnehin habe sich der Engpass – entgegen vieler Prognosen aus der Vergangenheit – „von der akademischen auf die dual ausgebildete Ebene verschoben“, sagte Rauch.

Wie reagieren die Unternehmen? Die jüngste Befragung des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) habe ergeben: Kleinbetriebe seien wesentlich stärker als Großbetriebe von Engpässen betroffen. Dennoch würden sich die Großen intensiver mit Strategien beschäftigten, um den Bedarf decken zu können. Rauch: „Als Hauptstrategie wird dabei mit Abstand von allen Betrieben der Bereich der Ausbildung sowie der Fortbildung von bereits Beschäftigten genannt.“ Bemerkenswert: Eine Rekrutierung im Ausland über Zuwanderung spiele mit einem Anteil von gerade mal drei Prozent „faktisch keine Rolle“. Auffallend: Ältere Arbeitnehmer im Betrieb zu halten habe in Baden-Württemberg eine deutlich geringere Relevanz – im Vergleich zu West-Deutschland.

Könnte sich der Fachkräfteengpass durch die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt beseitigen lassen?

„Grundsätzlich nicht“, erklärte der baden-württembergische Agenturchef. Der Grund: Die berufliche Qualifikation der Flüchtlinge sei nicht nur deutlich geringer, als die des Durchschnitts der Deutschen, sie sei auch geringer als die anderer Ausländer oder Migrantengruppen. Zwar sei das schulische Bildungsniveau der Flüchtlinge deutlich höher als die berufliche Qualifikation, „aber auch hier gibt es ein Bildungsgefälle“, führte Rauch aus. Ergo: Die Mehrzahl der Flüchtlinge seien nicht die Fachkräfte von heute und nicht von morgen. „Wenn uns die Investition in Ausbildung und Qualifizierung gelingt, dann können sie die notwendigen Fachkräfte von übermorgen sein.“

Was sind die Verdienste des scheidenden Arbeitsagenturchefs Jürgen Schwab?

Aus jüngster Zeit nennt Rauch diese: „Sie haben die nicht einfache Zusammenführung der Arbeitsagenturen Nagold und Pforzheim erfolgreich bewältigt.“ Mit dem Studienhintergrund Rechtswissenschaft habe Schwab seinen Standpunkt „immer juristisch klar und präzise vertreten“, wo es notwendig gewesen sei, mit angemessenem Widerspruch. Neuen Ideen und Gedanken habe er offen gegenübergestanden und sich engagiert, „jedoch nicht unkritisch“. Schwab wirkte 33 Jahre lang in verschiedenen Positionen.