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Nahm gestern Abschied als IG-Metall-Bevollmächtigter: Martin Kunzmann, hier mit seiner designierten Nachfolgerin Liane Papaioannou sowie Gewerkschaftssekretär Arno Rastetter und zweitem Bevollmächtigten Martin Kolb (von links). Foto: Seibel
Nahm gestern Abschied als IG-Metall-Bevollmächtigter: Martin Kunzmann, hier mit seiner designierten Nachfolgerin Liane Papaioannou sowie Gewerkschaftssekretär Arno Rastetter und zweitem Bevollmächtigten Martin Kolb (von links). Foto: Seibel
Zukunftsherausforderung Digitalisierung: Gewerkschafter wollen die Arbeitswelt mitgestalten. Foto: Maurer
Zukunftsherausforderung Digitalisierung: Gewerkschafter wollen die Arbeitswelt mitgestalten. Foto: Maurer
Zukunftsherausforderung E-Mobilität: Strukturwandel für die Region. Foto: Schmidt
Zukunftsherausforderung E-Mobilität: Strukturwandel für die Region. Foto: Schmidt
01.02.2017

Schlussbilanz von Martin Kunzmann als Chef der IG Metall Pforzheim

Pforzheim. Die Region muss sich auf einen zweiten großen Strukturwandel vorbereiten. Nachdem allein die Veränderungen in der Schmuck- und Uhrenindustrie seit 1991 weit mehr als 4000 Arbeitsplätze vernichtet haben, werden digitaler Wandel und Elektro-Autos sowie autonomes Fahren nicht nur die Zulieferer der Region vor große Herausforderungen stellen. Das sagte gestern Martin Kunzmann in seiner letzten Pressekonferenz als Erster Bevollmächtigter der IG Metall Pforzheim. Wie berichtet ist Kunzmann kürzlich in Stuttgart mit hundertprozentiger Zustimmung zum neuen Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gewählt worden.

Der IG-Metaller warnte die Unternehmensführungen in Pforzheim und im Enzkreis davor, die gleichen Fehler wie damals zu begehen. „Wir haben seinerzeit frühzeitig Konzepte entwickelt und Initiativen eingefordert, sind aber immer abgeblitzt.“ Unisonso sei aus der Traditionsbranche die Erwiderung gekommen: „Die Unternehmen wissen schon, was sie zu tun haben.“

Dass dies nicht immer der Fall war, ist laut Kunzmann noch aktuell spürbar – unter anderem an der hohen Zahl an arbeitslosen Un- und Angelernten, die im Zuge eines radikalen Personalabbaus freigesetzt worden seien. Unterdessen seien zahlreiche Firmen auch gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Eine Erscheinung übrigens, deren Ausläufer bis in die heutige Zeit reichten. Er nannte auch positive Beispiele: „1991 hatte Witzenmann 1000 Beschäftigte in Pforzheim. Heute sind es 1600.“

Dass neben dem Aderlass der Schmuck- und Uhrenindustrie auch andere Branchen leiden mussten, habe zu einem Verlust von deutlich mehr als 10 000 Jobs geführt. Kunzmann: „Hätte der Boom der Versandhäuser damals nicht einen Teil der entlassenen Mitarbeiter aufgenommen, die Zahl der Arbeitslosen wäre noch viel höher ausgefallen.“ Doch auch die IG Metall setze sich aktiv für Betroffene ein: „In Pforzheim hat es zeitweise die meisten Transfergesellschaften in Deutschland gegeben.“ Bei den Unternehmen habe diese Einrichtung einer großen Überzeugungsarbeit bedurft. Hintergrund: In Transfergesellschaften werden die von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen befristet beschäftigt, um sie für die Suche nach neuen Jobs zu qualifizieren.

Aus früheren Erfahrungen mahnte Kunzmann: Für die bevorstehenden Aufgaben im Zuge der zunehmenden Elektromobilität und der Digitalisierung seien alle Beteiligten aufgerufen, sich konstruktiv mit der Zukunft auseinanderzusetzen und gemeinsam Lösungen zu finden. „Wir sind doch keine Unternehmerfresser. Wir wollen unseren Beitrag dafür leisten, dass etwas Gutes entsteht“, sagte der scheidende IG-Metall-Bevollmächtigte.

Unterdessen sieht Kunzmann die 2016 formulierten Ziele erreicht: 1. Die Menschen hätten real mehr im Geldbeutel; 2. Weitere Betriebe haben sich der Tarifbindung angeschlossen; 3. Es gibt erfreulichen Zuwachs – demnach hat die IG Metall in Pforzheim derzeit einen Mitgliederstand von 9227.

„Das Feld ist gut bestellt“, sagte Kunzmann mit Blick auf seine vor-aussichtliche Nachfolgerin Liane Papaioannou. Sie stellt sich am 16. Februar zur Wahl als Erste Bevollmächtigte und damit als Geschäftsführerin der IG Metall Pforzheim. Den Posten der Kassiererin hat sie bereits übernommen. „Ich habe großen Respekt vor diesem Amt und den Fußstapfen“, sagte Papaioannou gestern. Weitere Zukunftsthemen, die sie 2017 angehen wolle, seien „Mobiles Arbeiten“ und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Auch das Jubiläum 250 Jahre Goldstadt steht auf dem Aktionsplan. So ist eine Bilderausstellung „Arbeitsalltag im Wandel“ geplant. Und in Kooperation mit dem DGB wird eine Plakataktion über frühere Arbeitsbedingungen informieren. Stichwort: Zwangsarbeit. Im Zusammenhang mit dem Jubiläum wies Kunzmann darauf hin: „Die Goldstadt ist nicht nur von den Unternehmern aufgebaut worden. Die Arbeitnehmer dürfen bei der Würdigung nicht zu kurz kommen.“