nach oben
Vor allem am Wochenende strömen die Menschen auf die Stuttgarter Königstraße – trotz der Konkurrenz von gleich zwei großen Shoppingcentern in der Innenstadt.
Vor allem am Wochenende strömen die Menschen auf die Stuttgarter Königstraße – trotz der Konkurrenz von gleich zwei großen Shoppingcentern in der Innenstadt.
17.07.2015

Shopping-Center: Fluch oder Segen?

Sind Shopping-Center Fluch oder Segen für die Innenstädte? Es kann funktionieren – wie ein Blick nach Stuttgart beweist. In Pforzheim haben sich die neuen Stuttgarter Einkaufscenter Gerber und Milaneo bisher nicht gravierend bemerkbar gemacht.

Pforzheim nicht betroffen

In Pforzheim haben sich die neuen Stuttgarter Einkaufscenter Gerber und Milaneo bisher nicht gravierend bemerkbar gemacht. In dieser Einschätzung stimmen der Center-Manager der Schlössle-Galerie, Jochen Sauer, sowie der Präsident des Einzelhandelsverbandes Baden-Württemberg, Horst Lenk (Pforzheim), überein. Allerdings, so Lenk, seien die beiden Center auch erst ein starkes halbes Jahr in Betrieb. Er werde die Entwicklung in Stuttgart weiterhin genau beobachten.
Jochen Sauer spricht von einem fast unveränderten Umsatz im ersten Halbjahr 2015 gegenüber Zahlen des Jahres 2014. Damit liege das Schlössle leicht besser als der Branchentrend. In Pforzheim sei der „Branchenmix der Läden“ unterentwickelt, meint Jochen Sauer. Er bezeichnet Stuttgart insgesamt als „Magneten“. In dessen Einzugsgebiet liegen vor allem die Städte Ludwigsburg und Esslingen, sagt Horst Lenk.  mik

"Wir bleiben“ – in großen Lettern verkündete das Stuttgarter Karstadt Sporthaus jüngst, dass keine Schließung des Hauses ansteht. Nicht nur das Karstadt Warenhaus hatte kurz zuvor dicht gemacht, auch der Buchhändler Hugendubel hatte sich aus der Stadt verabschiedet. Und das Modehaus C&A war aus der Stuttgarter Einkaufsmeile Königstraße in die neue Mall Milaneo abgewandert. Das Milaneo nimmt seit Oktober 2014 die Achse zwischen Hauptbahnhof und dem Rotebühlplatz auf der einen Seite in die Zange. Auf der anderen rahmt das kurz danach eröffnete Gerber die zu den Top-Einkaufsmeilen in Deutschland gehörende Königstraße ein.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass weder die Schließung des Warenhauses noch der Abzug des Buchhändlers den beiden Shopping-Centern geschuldet sind. Das hat ganz andere Gründe.

Wie die beiden Einkaufstempel sich auf die Einzelhändler in der 1,6 Kilometer langen Fußgängerzone auswirken, wird ganz unterschiedlich bewertet. Die Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbandes, Sabine Hagmann, meint: „Wir haben zwar schlechte Zeiten, aber man kann das nicht an einem der Center festmachen.“ Aus ihrer Sicht ist der Einstieg der beiden Malls für die Alteingesessenen glimpflich abgegangen. Auch City-Managerin Bettina Fuchs wundert sich, dass die Besucher des Milaneo auch den Weg zur Einkaufsstraße mit bis zu 11 000 Besuchern in der Stunde finden.

Die Stuttgarter City hat als Einkaufsdestination gewonnen, doch die einzelnen Händler vor allem im Mode-Einzelhandel spüren die neuen Wettbewerber, hat Fuchs beobachtet. „Bei 70 000 Quadratmeter Verkaufsflächen mehr kann nicht alles beim Alten bleiben“, resümiert sie. Das bestätigt die Gewerkschaft Verdi gießt Wasser: „Ich habe mitgekriegt, dass sich in den ersten Monaten nach Eröffnung der Malls der Umsatz in der Königstraße um 20 Prozent verringert hat“, erzählt Landesfachbereichsleiter Bernhard Franke. Aber auch im Milaneo schreiben dem Vernehmen nach einige Läden rote Zahlen. Und im Gerber ist nach noch nicht einmal einem Jahr ein „Neustart“ geplant.

Bei der Eröffnung der Malls wurde befürchtet, dass vor allem die Umlandgemeinden leiden. Denn das Milaneo definiert sein Einzugsgebiet von Pforzheim bis Göppingen, Heilbronn bis Tübingen. Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger (SPD) rechnete mit einer „Kannibalisierung der Einzelhandelsstandorte“. Doch weder Fuchs noch der Stuttgarter Wirtschaftsförderung sind Klagen zu Ohren gekommen.

Die Stuttgarter Haupteinkaufsstraße erscheint überraschend unbeschadet von der neuen Entwicklung. Das mag auch mit dem besonderen Ambiente zusammenhängen, das Konsumtempel einfach nicht bieten. Die Geschäftsführerin des traditionsreichen Herrenausstatters Breitling, Mariella Breitling, bringt es auf den Punkt: „Die meisten mögen eine gewachsene Stadt mit Flair statt künstlicher Welten.“