GABOR STEINGART, HANS JUERGEN JAKOBS, 1.2.2013
Wirtschaftsjournalist und Volkswirt Hans-Jürgen Jakobs ist am 6. September im PZ-Autorenforum zu Gast. 

„So viel Macht ist schädlich wie eine Krankheit“: Wirtschaftsjournalist analysiert Großkonzerne im PZ-Autorenforum

Sie sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: Konzerne wie Amazon, Google, Facebook und Co. Ihre Macht wächst immer weiter – längst haben sie mindestens in einigen Bereichen eine Monopolstellung. Wie es so weit kommen konnte, welche Gefahren drohen und was man gegen die Vormachtstellung einiger weniger Unternehmen tun kann, analysiert der Journalist und Volkswirt Hans-Jürgen Jakobs in seinem Buch „Das Monopol im 21. Jahrhundert: Wie private Unternehmen und staatliche Konzerne unseren Wohlstand zerstören“. Vor seinem Besuch im PZ-Autorenforum am kommenden Donnerstag, 6. Oktober, gibt er im PZ-Interview erste Einblicke.

PZ: Herr Jakobs, welcher Monopolist bereitet Ihnen die größte Sorge?

Hans-Jürgen Jakobs: Naheliegend wäre, Gazprom zu nennen. Denn dieser russische Staatskonzern hat exemplarisch gezeigt, wie Monopole ausgenutzt werden und warum sie schädlich sind. Die noch größeren Sorgen bereitet mir aber, dass wir von „Gazproms“ umzingelt sind – als Verbraucher und als Volkswirtschaft.

Sie bezeichnen Monopolismus als „Schweinegrippe der Weltwirtschaft“. Was heißt das konkret?

Die wirtschaftliche Konzentration ist global in den Schlüsselmärkten Daten, Kapital und Rohstoffe bedenklich gewachsen. Die einzelnen Gütermärkte und beispielsweise der Lebensmitteleinzelhandel stehen unter Kontrolle weniger großer Oligopole. So viel Machtzusammenballung ist schädlich wie eine schlimme Krankheit. Die Kosten zahlen wir alle, über höhere Preise, weniger Innovation, einem Verlust politischer Macht und mit sozialer Ungerechtigkeit.

Einer der Beispielkonzerne in Ihrem Buch ist Amazon. Man könnte argumentieren, der Online-Riese hat sich sein Monopol erarbeitet, indem er sich am besten an die Bedürfnisse seiner Kundinnen und Kunden angepasst hat.

Amazon hat sich sein Monopol, etwa bei E-Books, auch mit brutalen Methoden der Marktverdrängung von Konkurrenten erarbeitet. Es ist gefährlich, etwa für andere Händler, wenn ein einziger Konzern in den USA, Deutschland und anderen Staaten die Hälfte des gesamten E-Commerce kontrolliert. Es ist bedenklich, wenn Amazon seine Marktmacht von einem Markt auf den nächsten hebelt, etwa auf den der Medien oder der Logistik. Natürlich ist es andererseits nicht verwerflich, dass Amazon die Bedürfnisse der Kundschaft befriedigt – verwerflich ist nur, dass die Politik zu lange keine adäquaten Regeln für den Umgang mit solchen Giganten geschaffen hat. Die amerikanische Regierung arbeitet erst jetzt daran – ob mit wirksamen Ergebnissen, muss sich erst noch erweisen.

Sie beschreiben die Möglichkeit, dass in Wahrheit die Monopolisten über die gesellschaftliche Entwicklung bestimmen, nicht mehr die Menschen. Haben eben jene Monopolisten es uns so bequem gemacht, dass wir gar nicht auf die Idee kämen, gegen sie aufzubegehren?

Da ist etwas dran. Wir haben es uns in Komfortzonen gemütlich gemacht. Niemand zwingt uns, bei Amazon zu bestellen und nicht in der Buchhandlung, niemand befiehlt, unsere private Kommunikation über die Kanäle von Mark Zuckerberg laufen zu lassen. Das führt dazu, dass wir plötzlich keine Auswahl und Vielfalt mehr haben. Wenn alle Freunde über WhatsApp kommunizieren, will man kein Sonderling sein, auch wenn man so Zuckerbergs Datensammelstelle bedient. Auch hier: Politik muss für Wettbewerb sorgen, zumindest aber Monopolisten besser regulieren.

Das kleine Europa steht im Kampf gegen Monopole riesigen Konzernen aus den USA oder China gegenüber. Haben wir da überhaupt eine Chance?

Langfristig wird es schwierig. In diesem globalen Systemwettbewerb fehlt es Europa an entscheidenden Ressourcen. Ob die teuren EU-Aufbaupläne für Chips, Künstliche Intelligenz, Elektromobilität, Batteriezellen, mineralische Rohstoffe oder Cloud-Lösungen wirklich funktionieren, ist ungewiss. Die Gefahr ist groß, dass wir uns erst einmal stärker in Abhängigkeiten hineinmanövrieren – und nur wählen können, ob es amerikanische oder chinesische sein sollen.

Ihrer Analyse nach braucht es gewissermaßen einen Systemneustart, um die Macht der Großen wieder zu begrenzen. Halten Sie das für realistisch?

Viele kleine Reformen machen auch einen Unterschied. So ist es zu begrüßen, dass die Bundesregierung jetzt den Entwurf für ein schärferes Wettbewerbsgesetz vorlegt. Die Zerschlagung von Konglomeraten, die uns an den Tankstellen oder sonst wo abkassieren, muss möglich sein. Dass wir innovative Start-ups stärker fördern und im eigenen Land halten, ist ebenso wenig unrealistisch wie Vorkehrungen gegen die politische Macht Zuckerbergs und seines Meta-Konzerns. Dass über dessen Kanäle vor und am 6. Januar 2021 in den USA ein Staatsstreich organisiert wurde, hat alle aufgerüttelt.

Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte lang, wurde den Menschen eingetrichtert: Je größer, desto besser. Wie können wir uns von diesem Narrativ wieder lösen?

Auch hier sind wir frei, die Kraft des Kleinen zu preisen. Je stärker Verzerrungen und Missbräuche durch Monopole sichtbar werden, desto größer wird der Widerstand gegen das Groß-größer-am-größten-Denken.

Gibt es – bei allen Befürchtungen und Szenarien – auch etwas, das Sie optimistisch stimmt?

Ja. Dass die Politik aufgewacht ist und wieder für mehr Wettbewerb und gegen Monopolismus eintritt. Dass auch die Menschen spüren, dass in immer neuen Fusionen nicht das Heil der Wirtschaftsgeschichte liegt. Was hat es mit Marktwirtschaft zu tun, wenn einige wenige, zumeist amerikanische Fondsgesellschaften bei vielen börsennotierten Aktiengesellschaften de facto eine Stimmenmehrheit haben? Wer das ändern will, muss anfangen, darüber zu reden. Dafür soll mein Buch als Grundlage dienen.

Hans-Jürgen Jakobs ist mit seinem Buch „Das Monopol im 21. Jahrhundert: Wie private Unternehmen und staatliche Konzerne unseren Wohlstand zerstören“ am Donnerstag, 6. Oktober, um 19 Uhr im PZ-Autorenforum zu Gast. Karten kosten 10,50 Euro, mit PZ-Abocard 6,50 Euro und sind erhältlich unter 07231-93 31 25 oder hier.

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Die neu erschienene Analyse von Hans-Jürgen Jakobs. Foto: Pensiri/Shutterstock.com/Deutsche Verlags-Anstalt

Über den Autor

Hans-Jürgen Jakobs wurde am 28. Oktober 1956 in Wiesbaden geboren. Der Volkswirt und Wirtschaftsjournalist arbeitete unter anderem für den „Spiegel“ und war Chef der Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“. Später leitete er die Wirtschaftsredaktion der SZ. Seit 2013 ist er für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig. Dort war er bis 2015 Chefredakteur, seit 2016 ist er Senior Editor des „Handelsblatts“. Zudem ist er Herausgeber des Podcasts „Handelsblatt Morning Briefing“.

Lisa Scharf

Lisa Scharf

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