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Die britische Hauptstadt London gilt als wichtigster Finanzplatz Europas. Das könnte sich ändern.
Die britische Hauptstadt London gilt als wichtigster Finanzplatz Europas. Das könnte sich ändern.
15.07.2015

Sorge in der Wirtschaft vor einem britischen EU-Austritt ist groß

London ohne Großbanken? Eigentlich kaum vorstellbar. Eigentlich. Denn seit die Regierung von David Cameron beschlossen hat, das Volk über den Verbleib des Königreichs in der EU abstimmen zu lassen, bereitet sich die Finanzbranche dies- und jenseits des Ärmelkanals auf den Ernstfall vor: Einen Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Club.

Auch wenn andere europäische Finanzplätze wie Frankfurt davon profitieren könnten, ist Sorge in der Wirtschaft vor einem „Brexit“ groß. „Wenn Großbritannien die EU verlässt, wäre das ein Desaster für London“, sagt der Chairman des Versicherers Standard Life, Gerry Grimstone, in seiner Funktion als Chef des Interessenverbandes TheCityUK.

Für die Deutsche Bank ist der Handelsraum in London das Herz ihres Investmentbankings. Seit 1873 ist Deutschlands größtes Geldhaus in Großbritannien vertreten, derzeit beschäftigt die Bank dort etwa 9000 Mitarbeiter. Das könnte sich im Falle eines „Brexits“ ändern: Der Dax-Konzern richtete bereits eine Arbeitsgruppe aus hochrangigen Managern ein, um verschiedene Szenarien durchzuspielen. Geprüft wird unter anderem, einen großen Teil der Aktivitäten von London zurück in die Eurozone und vor allem nach Deutschland zu holen.

Ähnlich äußerten sich zuletzt viele andere internationale Großbanken wie Goldman Sachs, Credit Suisse, ING oder Société Générale. Auch britische Traditionshäuser wie HSBC und Standard Chartered machen Druck und denken laut über eine Verlagerung ihrer Zentralen aus London nach – sie machen ohnehin den Großteil ihrer Geschäfte inzwischen in Asien und ächzen in ihrer Heimat unter zunehmend strengeren Regeln für Banken und neuen Abgaben.

„Die Frage, ob Großbritannien in der EU bleibt, ist für Europa viel wichtiger als die Frage, ob Griechenland im Euro bleibt“, meint Commerzbank-Chef Martin Blessing. Noch zugespitzter formulierte es die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Gertrud Traud, in einer Analyse Anfang Juni: „Lieber Grexit als Brexit.“ Sie fürchtet, noch mehr Regulierung und Bürokratisierung in der EU bei einem Fehlen des Königreichs. Zudem würde eine geschrumpfte Europäische Union international an Bedeutung verlieren.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) warnt, ein britischer EU-Austritt wäre „ein Risiko für die Wachstumschancen der Finanzdienstleister und exportlastigen Industriesektoren in Großbritannien“. London könnte sein Gewicht als wichtigster Finanzplatz Europas einbüßen, meinen die S&P-Analysten: Ein „Brexit“ würde „den Trend verstärken, dass globale Banken ihr Risikomanagement zumindest teilweise aus Großbritannien weg verlagern“ – nach Frankfurt, Paris, Madrid oder Mailand.

Ein Schrumpfen der Londoner „City“ wäre zweifelsohne ein herber Schlag für die britische Hauptstadt. Trotz der Wirren der jüngsten Finanzkrise ist der Finanzsektor nach wie vor ein Hauptstandbein der britischen Wirtschaft. Nach S&P-Daten bietet er geschätzte 1,4 Millionen Arbeitsplätze.