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Hans Eberhard Koch Naupold
Hans Eberhard Koch Naupold
21.10.2015

Steigende Erlöse sind großteils dem schwachen Eurokurs geschuldet

Baden-Württembergs Industrie sollte sich nach Ansicht von Hans-Eberhard Koch auf schwierigere Zeiten einstellen. Der Präsident des Landesverbands der Baden-Württemergischen Industrie (LVI) nannte gestern in Stuttgart positive Zahlen. Doch sei das deutliche Umsatzplus nicht allein der eigenen Wirtschaftskraft zu verdanken.

Die aktuellen Zahlen sind prächtig – von Januar bis August stieg die Nachfrage nach baden-württembergischen Industrieprodukten dem Verband zufolge um 7,5 Prozent im Vorjahres-Vergleich. Das lag vor allem an dem dicken Auslandsplus von 10,5 Prozent (Inland: drei Prozent). Wichtigster Auslandsmarkt sind die USA.

Mehrere „Doping“-Faktoren

Doch der Chef der Pforzheimer Witzenmann-Gruppe glaubt, dass die gute Wirtschaftslage zum großen Teil auf „Doping“ beruhe. Damit meint der LVI-Präsident die derzeit günstigen Wechselkurse und niedrigen Preise für Öl und Materialien allgemein. Fast die Hälfte vom Umsatzplus beruht dem Verband zufolge auf dem niedrigen Eurokurs. Bisher wirkten sich die „Doping“-Faktoren positiv aus, sie könnten aber ihre Wirkung umkehren – mit dieser möglichen Gefahr begründet Koch seine Skepsis. Da sich die EU inklusive südlicher Krisenländer stabilisiere und die US-Konjunktur nicht so wachse wie gedacht, rechnet Koch mit einem moderat steigenden Eurokurs. Ein starker Euro sei wiederum schlecht für den Export, da sich Produkte aus der Euro-Währungszone auf dem Weltmarkt verteuern. Der LVI-Präsident sieht die Unternehmen jedoch für diesen Fall gut gerüstet, weil sie für schlechtere Zeiten vorgesorgt hätten. Steigende Zinsen könnten jedoch für die europäischen Staaten existenzbedrohend sein wegen deren hoher Schuldenlast, meinte Koch.

Mit Blick auf den wachsenden Flüchtlingsstrom zeigt sich Koch optimistisch. „Wir brauchen qualifizierte Kräfte und eine Menge von jungen Leuten in Ausbildung, dafür sollten wir die Flüchtlinge nutzen“, sagte der Verbandschef. Aus der Wirtschaft gibt es auch Forderungen, die Flüchtlinge vom Mindestlohn-Gesetz auszunehmen. Davon hält Koch nichts. Für Flüchtlinge gelten die gleichen Gesetze und Bedingungen wie für alle anderen Beschäftigten, betonte er. Die Arbeitsaufnahme von Asylbewerbern müsse freilich erleichtert werden.

Alle Teile der Gesellschaft seien von dieser Völkerwanderung betroffen. „Deutschland kann sich nicht verhalten wie Ungarn“, sagt Koch im Blick auf die Diskussion über Grenzzäune. Die Wirtschaft brauche Freizügigkeit und das gelte besonders für den Transport von Gütern. Und Deutschland brauche im Blick auf die demografische Entwicklung Zuwanderung.

VW-Skandal wirkt sich aus

Vor diesem Hintergrund sei die Griechenlandproblematik zwar in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung getreten aber keinesfalls gelöst. Zusätzlichen Zündstoff liefere die Abgas-Manipulation von VW in den USA, deren Folgen für die deutsche Industrie noch nicht absehbar seien. Die Folgen des VW-Dieselskandals könnten auch Baden-Württembergs Industrie nach Einschätzung eines Verbandes teuer zu stehen kommen. Forderungen aus der Politik nach verschärften Abgastests seien ziemlich heftig, sagte Koch. Man dürfe als Gesetzgeber nicht nur die „Innovationspeitsche“ rausholen, sondern man müsse auch die technische und wirtschaftliche Machbarkeit neuer Vorgaben berücksichtigen. „Jede Regulierung hat Folgen für Arbeitsplätze.“ Schließlich hänge in Baden- Württemberg nahezu jeder zweite Arbeitsplatz in der Industrie direkt oder indirekt am Automobil.