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Walter Gerwig ist kurz vor seinem 94. Geburtstag gestorben. Foto: Privat

Trauer um Goldstadt-Urgestein: Unidor-Geschäftsführer Walter Gerwig gestorben

Pforzheim. Ein Urgestein der Pforzheimer Traditionsindustrien wäre am Mittwoch 94 Jahre alt geworden: Walter Gerwig, der im vergangenen Monat starb. Nach sieben Jahren im Kriegsdienst und Gefangenschaft in Russland kehrte er im September 1949 in die Goldstadt zurück: Am zerstörten Bahnhof kam Gerwig an, trat auf den Bahnhofplatz und erlebte den größten Schock seines Lebens: Die Stadt, in der er geboren wurde und seine Jugend verbrachte, war nur noch ein Trümmerfeld.

Tätigkeit bei Radio-Becker

Freunde brachten den Spätheimkehrer bei Max Egon Becker unter, der in Brötzingen im Hinterhof von Reichert&Schmidt eine Radiowerkstatt eingerichtet hatte. Dort bekam er eine Stelle als Volontär wo sich Gerwig technische und kaufmännische Kenntnisse erwarb. Anfang 1950 fuhr Max Egon Becker mit dem Prototyp seines neu entwickelten Autoradios nach Sindelfingen. „Ich durfte mitfahren und erlebte die Sternstunde der Firma Radio Becker, als Daimler-Benz diesen Autoradio-Typ wohlwollend aufnahm und zum serienmäßigen Einbau in den neuen Mercedes 170S bestimmte“, schreibt der Pforzheimer später. Der Umzug der Firma Radio-Becker nach Ittersbach veranlasste Gerwig, sich 1952 in der Pforzheimer Schmuckwarenfabrik Faas&Klein zu bewerben, wo er wenig später kaufmännischer Leiter und Prokurist wurde. Bei der traditionellen Verkaufs-Reisetätigkeit kamen ihm seine guten Fremdsprachenkenntnisse zustatten. Im Frühjahr 1959 engagierte ihn Fritz Soellner, Inhaber der Firma Gebrüder Kuttroff, als Leiter der Uhrgehäuse-Verkaufsabteilung und Prokurist . Dort lernte er die Schweizer Uhrenindustrie von Basel bis Genf kennen, auch im französischen Jura und im Raum Besançon war der Pforzheimer regelmäßig und lernte Persönlichkeiten wie Fred Lip, Breitling und Blum kennen.

Als die Firma Gebr. Kuttroff in finanzielle Schwierigkeiten geriet , trat der Fabrikant Emil Kiefer auf den Plan und fusionierte gleich vier Pforzheimer Unternehmen unter dem Dach von Unidor: Kiefer-Expandro, Glauner&Epp, Schätzle&Tschudin und Gebr. Kuttroff. Produktions-Schwerpunkt waren Uhrarmbänder aus Metall. Später übernahm das Fürstenhaus von Thurn & Taxis die Firmen Unidor, Inovan und Moritz Hausch. Bei Unidor in Birkenfeld wurde Gerwig kaufmännischer Geschäftsführer. Zusammen mit den Vorstandskollegen der anderen Unternehmen musste er regelmäßig dem Aufsichtsrat des Regenburger Fürstenhausses unter Leitung des Prinzen Johannes von Thurn und Taxis Bericht erstatten. Diese Sitzungen fanden im Hotel Ruf in Pforzheim statt.

Jubiläum miterlebt

Gerwig war damals Obmann der Fachgruppe Uhrbänder im Verband der Uhrenindustrie, und zweiter Vorsitzender des Creditorenvereins, zusammen mit Rolf Bentner. Als das Fürstenhaus sein finanzielles Engagement beendete, wurde auch Unidor umstrukturiert. Gerwig machte sich selbstständig, übernahm die Generalvertretung von Unidor in Europa und wurde später auch Gebietsvertreter der Firma Hermann Staib für die Schweiz, Frankreich und Belgien. Auch im Rentenalter war er dort noch freiberuflich tätig, arbeitete als Übersetzer und Sprachlehrer für innerbetriebliche Weiterbildung.

Vor zwei Jahren durfte er bei guter Gesundheit den 250. Geburtstag der Schmuck- und Uhrenindustrie miterleben.