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Bitte Abstand halten: Das gilt auch in niederländischen Tulpenfeldern.  Foto: Dejong 

Umsätze im Fachhandel gedrückt: Tulpen landen in der Tonne statt in der Vase

Amsterdam/Pforzheim. Wer Blumen kauft, behält sie oft nicht selbst. Sie werden gerne verschenkt. Da das soziale Leben wegen der Corona-Krise aber fast zum Erliegen gekommen ist, kämpft auch der Blumenhandel. Michael Hüttler und seine Schwester Claudia Hüttler von der gleichnamigen Pforzheimer Gärtnerei sprechen von der „Ruhe vor dem Sturm“.

Sie machen ihre Geschäfte mit Schnittblumen überwiegend auf Wochenmärkten – auf dem Turnplatz in Pforzheim, aber unter anderem auch in Maulbronn und Unterreichenbach. Noch gibt es Nachfrage, wenn auch etwas gedrosselt. „Gerade die älteren Kunden bleiben derzeit eher zu Hause.“ Den ganzen Winter über hätten sie ihre Ware vorproduziert und auch finanziert, sagen die Hüttlers, die befürchten, dass die aktuelle Coronalage nur der Anfang ist. „Alle haben Angst“, sagt Claudia Hüttler, „vor der Krankheit, aber auch davor, wie es insgesamt weitergeht.“

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Blumenexperte Michael Hüttler aus Pforzheim hat nach intensiver Vorarbeit über den Winter nun alles vorrätig – auch Tulpen in Hülle und Fülle. Foto: Erb

Ein Standbein, sein Blumengeschäft in Wilferdingen, ist Gerhard Zachmann weggebrochen. Weiter laufen der freie Verkauf im Gartenbaubetrieb und das Geschäft auf Wochenmärkten wie auf dem Pforzheimer Turnplatz. Blumen für den Friedhof seien im Frühling, wo jeder die Gräber herrichtet, gefragt, aber auch bunte Sträußchen: „Die Menschen wollen etwas Blühendes in der Wohnung haben.“ Generell aber blickt auch Zachmann mit Sorge auf die nahe Zukunft. Ostern, Muttertag – die Monate April und Mai bildeten für das ganze Jahr die finanzielle Grundlage der Blumenfachgeschäfte.

Lebensnotwendig sind sie nicht. Wenn der Alltag auf das Lebensnotwendige heruntergefahren wird, fallen Blumen daher schnell hinten runter. Was in besseren Frühlingsmonaten gern in die Vase gestellt oder in den Vorgarten gesetzt wird, landet heute in Massen auf dem Kompost – so wie auf dem Hof der Familie Overlöper in Dinslaken in Nordrhein-Westfalen. „Unser Geld steckt in den Pflanzen“, erzählt ein Mitglied des Familienbetriebs, der Topfpflanzen für Haus und Garten verkauft. „Das ist ein echtes Existenzproblem.“ Die Zeit rund um Ostern und Muttertag ist eigentlich Hauptsaison. Alles sprießt wieder, alle sehnen sich nach dem grauen Winter nach bunten Farbflecken in Wohnung, Balkon oder Garten.

In den Niederlanden ziehen sich riesige Felder mit blühenden Tulpen zurzeit wie bunte Teppiche durch das Land – rosa, rot, gelb, violett, geradezu eine Pracht. Normalerweise eine beliebte Kulisse für Fotos von Brautpaaren und Touristen, doch in diesem Jahr herrscht Leere. 

Die Niederländer exportieren jährlich für rund sechs Milliarden Euro Pflanzen und Blumen. Doch wegen der strengen Maßnahmen in der Corona-Krise ist der Export fast zum Erliegen gekommen. Das liege an den geschlossenen Grenzen und den fehlenden Absatzmöglichkeiten, sagt der Sprecher von Royal Flora Holland, Michel van Schie.

„Wir kippen jetzt massenweise Tulpen, Primeln und Ranunkeln in den Müll“, erzählt auch Norbert Engler, der dem Verband des Deutschen Blumen-Großhandels vorsteht. Der Umsatz sei derzeit auf etwa 20 Prozent vom Normalzustand abgesackt. In Supermärkten blieben viele Blumenständer leer, da dort häufig Schnittblumen aus Afrika verkauft würden, erklärt Engler. Für diese seien vielfach die Transportwege abgeschnitten.

Auch bei Royal Flora Holland beklagt man einen Umsatzrückgang von mehr als 70 Prozent. Sollte die Krise länger andauern, dann erwartet der Sektor einen Gesamtschaden von zwei bis drei Milliarden Euro.

Wer einen Balkon oder Garten hat, kann sich derzeit glücklich schätzen, weil er auch zu Hause frische Luft und Sonne tanken kann. Man habe erst angenommen, dass diese Menschen weiterhin viele Pflanzen kaufen würden, erzählt Engler. Doch in einigen Bundesländern sind Blumenläden und Baumärkte für Privatkunden geschlossen, so dass der normale Verkauf gar nicht mehr möglich ist. Andere seien verunsichert oder wollten nicht viel Geld ausgeben angesichts der unsicheren Aussichten. Dort, wo Blumenläden noch geöffnet sind, etwa in Nordrhein-Westfalen, ist die Nachfrage mau. „Selbst Zimmerpflanzen werden vernichtet, weil der Absatz einfach nicht da ist. Es sieht sehr schlecht aus“, so Engler.