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Der 1895 gegründete Pforzheimer Maschinen- und Anlagenbauer Ungerer ist in Schieflage geraten.
Der 1895 gegründete Pforzheimer Maschinen- und Anlagenbauer Ungerer ist in Schieflage geraten.
L. Papaioannou
L. Papaioannou
M. Kunzmann
M. Kunzmann
18.12.2015

Ungerer-Insolvenz: IG Metall spricht von rüdem Führungsstil des Geschäftsführers

Pforzheim. Insbesondere im Pforzheimer Stadtteil Arlinger gibt es seit ein paar Tagen ein Thema, das schwer auf die allgemeine Weihnachtsstimmung drückt: der Maschinen- und Anlagenbauer Ungerer musste Insolvenz anmelden (die PZ berichtete).

Insgesamt betroffen davon sind in der Gruppe des Traditionsunternehmens 160 Beschäftigte, davon 120 Mitarbeiter am Standort Pforzheim-Arlinger. Für sie hat der vorläufige Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme (Kanzlei Hoefer/Schmidt-Thieme, Mannheim) zunächst eine gute Nachricht: „Die Lohnansprüche sind gesichert“, sagte er im PZ-Gespräch.

Wie geht’s nun weiter für Ungerer und die Menschen dort? Für eine umfassende Beurteilung braucht Schmidt-Thieme mehr Zeit. Aber soviel hat er nach einer ersten Sichtung der Lage vor Ort schon erklärt: „Ich habe einen relativ guten Eindruck gewonnen. Es war alles transparent. Und die Mitarbeiter sind sehr motiviert.“ Die positive Haltung der Beschäftigten ist für den vorläufigen Insolvenzverwalter wichtig, denn sein erklärtes Ziel ist die Fortführung des Betriebs über eine Sanierung, erklärte er.

Ob es Managementfehler gab, die zu der Schieflage geführt haben, konnte Schmidt-Thieme nach der ersten kurzen Sichtung der Lage freilich nicht sagen. Gegenüber der PZ hatte Ungerer-Geschäftsführer und Anteilseigner Hans-Roland Wagner als Schuldige für das Desaster einerseits die mangelhafte Leistung eines Unternehmensberaters genannt, gegen den er juristisch vorgehen will. Andererseits hätten sich die Hausbanken nicht kooperativ gezeigt, trotz angeblich vorliegender Sicherheiten.

Für Martin Kunzmann, Erster Bevollmächtigter (Geschäftsführer) der IG Metall Pforzheim ist diese Haltung des Managements typisch, wie er im PZ-Gespräch sagte: „Herr Wagner war nicht nur völlig beratungsresistent, er hat im Unternehmen keinerlei Widerspruch geduldet. Schuld sind immer die anderen. Eine andere Meinung durfte es nicht geben. So kann man ein modernes Unternehmen nicht führen“, erklärte Kunzmann. Schlimmer noch: Von ehemaligen Beschäftigten sei ihm mehrfach berichtet worden, dass der Geschäftsführer im Umgang mit den Mitarbeitern einen – „sehr vorsichtig ausgedrückt“ – extrem rüden Umgangston gepflegt habe. Kunzmann sprach von einem „Führungsstil, der Menschen das Rückgrat brechen wollte“.

Der IG-Metall-Geschäftsführer hoffe deshalb, dass ein Neuanfang des einst stolzen Weltmarktführers unter neuer Geschäftsführung stattfindet und damit wieder ein Betriebsklima einkehre, wie es in der Zeit vor Hans-Roland Wagner nahezu vorbildlich gewesen sei.

Gegenüber dem vorläufigen Insolvenzverwalter zeigt die IG Metall hingegen großen Respekt, wie Gewerkschaftssekretärin Liane Papaioannou im PZ-Gespräch sagte. Sie sprach gestern in Abstimmung mit Schmidt-Thieme mit einzelnen Mitarbeitern, erkundete die Stimmung und sagte dem Insolvenzverwalter die Unterstützung der Gewerkschaft zu. Kunzmann: „Ich wünsche mir, dass wir die Krise gemeinsam meistern.“

Und wie ist die Stimmung bei Ungerer? „Die Leute machen eine gute Arbeit, aber sie sind sehr verunsichert darüber, wie es weitergeht“, sagte Papaioannou. Als positives Zeichen wertet sie, dass die Beschäftigten in den Gesprächen den unbedingten Willen geäußert hätten, bei den Sanierungsbemühungen aktiv mitzuwirken.

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