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Touristen beim Strandspaziergang auf der Insel Kos. Auf einer Parkbank schläft derweil ein syrischer Flüchtling.  Kolesidis
Touristen beim Strandspaziergang auf der Insel Kos. Auf einer Parkbank schläft derweil ein syrischer Flüchtling. Kolesidis
10.03.2016

Urlauber schrecken vor Flüchtlingschaos in Ostägäis zurück

Gerade mal 407 Euro für einen Flug von Hamburg nach Samos, sieben Tage Aufenthalt in einem kleinen, ruhigen Hotel in Strandnähe inklusive. Mit solchen „Schnäppchen“ buhlen Reiseveranstalter um deutsche Urlauber. Die Billigangebote sind nötig, denn Touristen meiden derzeit die griechischen Inseln in der Ostägäis. Viele werden abgeschreckt auch von Fernsehbildern, die campierende Flüchtlinge am Strand zeigen.

Für die Menschen aus Afghanistan oder Syrien ist es eine lebensgefährliche Überfahrt von rund einer Stunde auf kleinen Schlauchbooten von der türkischen Küste. Rund 800 Euro pro Person pressen kriminelle Schlepperbanden ihnen dafür ab.

Jenseits von Terror und Krise

Auf der Reisemesse ITB in Berlin müssen die Anbieter die Folgen des Flüchtlingszustroms für die Sommersaison berücksichtigen. „Wir stellen zurzeit eine Zweiteilung des Marktes fest“, sagt Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), zu den Buchungen. Das gelte für ganz Europa und Nordafrika, aber speziell auch für Griechenland. Da sind zum einen die Orte und Regionen, die in den vergangenen Monaten von der Flüchtlingskrise oder einem Terroranschlag betroffen waren. Und da sind die Urlaubsziele, die weit davon entfernt liegen.

In Griechenland, zu dessen Wirtschaftsleistung der Tourismus ein Viertel beisteuert, haben die Buchungszahlen im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Die Insel Santorin im Süden der Kykladen wird sogar so oft von Kreuzfahrtschiffen angesteuert, dass die Verwaltung im Sommer die Zahl der Tagestouristen auf 8000 begrenzen will.

Auf den Ägäisinseln Lesbos, Chios, Samos, Kos und Leros werden dagegen viel weniger Gäste erwartet als 2015. Auf Lesbos, jener Insel, die am stärksten vom Flüchtlingszustrom betroffen ist, sollen die Buchungen um 90 Prozent zurückgegangen sein. Manche Hoteliers und Tavernenbesitzer haben sich bereits damit abgefunden. Andere verdienen ihr Geld statt mit Touristen mit den freiwilligen Helfern aus aller Welt. Die Taverne „To Kyma“ am Nordstrand von Lesbos zum Beispiel ist schon seit dem vergangenen Sommer Anlaufstelle für Rettungskräfte, aber auch für Journalisten und den einen oder anderen Flüchtling. Das Restaurant wirbt im Internet mit Bildern von Tellern mit leckerem Fisch und frischem Salat, dazu Palmen in der Sonne, dahinter das blaue Meer.

Auch im vergangenen Oktober, zu Hochzeiten des Flüchtlingszustroms, gab es dort leckeres Essen. Allerdings verging keine Stunde, in der nicht ein Trupp durchnässter, verängstigter Flüchtlinge an der Taverne vorbei in Richtung des Auffanglagers der Insel lief. Berge orangefarbener Schwimmwesten und unzählige kaputte Schlauchboote säumten die Strände. „Wer will hier noch Urlaub machen?“, fragte die Wirtin schon damals desillusioniert, „das will sich doch niemand antun“.

So extrem wie vor fünf Monaten ist die Situation längst nicht mehr. Zum einen sind die Flüchtlingszahlen seither zurückgegangen. Zum anderen wird man des Zustroms mittlerweile besser Herr, organisiert die Unterbringung der Migranten und bewältigt die Müllberge an der Küste.

Dennoch sollen auch die Buchungszahlen für Samos um etwa 40 Prozent zurückgegangen sein. Der Vertreter des Hotelverbands der Insel will sich dazu nicht öffentlich äußern. Flüchtlinge und Tourismus in einem Satz zu nennen, das soll nach Möglichkeit vermieden werden. Dafür sind die Bewohner umso besorgter.