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Automobilexperte Wilfried Sihn beim Besuch in der PZ.  Foto: Ketterl
Automobilexperte Wilfried Sihn beim Besuch in der PZ. Foto: Ketterl
10.10.2015

VW verursacht Image-Schaden für „made in Germany“

Wenn es um das Thema „made in Germany“ geht, ist Professor Wilfried Sihn auch für das österreichische Fernsehen ein gefragter Gesprächspartner. Der gebürtige Pforzheimer schaute nach einer Beiratssitzung bei der Ittersbacher Firma Herrmann Ultraschall in der PZ-Redaktion vorbei, ehe er mit dem Flieger wieder von Stuttgart nach Wien düste. Dort ist Sihn Geschäftsführer der Fraunhofer Austria Research. Der Fachmann für das Mega-Thema „Industrie 4.0“ ist zudem ein Kenner der deutschen Automobilszene.Wie gravierend ist der VW-Abgas-Skandal für den Wolfsburger Autobauer und die deutsche Industrie insgesamt? Das wollte die PZ von Sihn wissen.

Der Imageschaden für das Qualitätslabel „made in Germany“ sei enorm. „Die Aufregung ist keineswegs übertrieben, denn schließlich wurden die VW-Kunden bewusst betrogen und so etwas geht gar nicht.“ Zumal den Verantwortlichen klar sein musste, dass die Wahrscheinlichkeit der Betrugsaufdeckung sehr groß war. Für den Wolfsburger Konzern werde das jetzt richtig teuer. „Das wird VW einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag kosten. Aber die schaffen das“, sagt Sihn. Von einer existenzbedrohenden Situation für Volkswagen könne jedenfalls keine Rede sein.

Probleme vor allem in den USA

Der neue VW-Chef Matthias Müller habe den Ernst der Lage erkannt und erklärt, alle Kosten auf den Prüfstand zu stellen. Der Verzicht auf Investitionen sei für die Technologieführerschaft von Volkswagen problematisch. Sihn ist sich sicher, dass der massive Umsatzeinbruch in den USA auch Sparmaßnahmen in Deutschland auslösen werde. „Das könnte auch Arbeitsplätze kosten.“ Auch in der Konzernführung würden sicher noch Veränderungen vorgenommen werden. Die Zulieferbetriebe in Baden-Württemberg müssten mit Umsatzeinbußen von bis zu zehn Prozent rechnen – mehr aber auch nicht. Damit können die extrem leistungsfähigen Zuliefererbetriebe der Region umgehen. Von einem daraus abzuleitenden Mitarbeiterabbau bei den heimischen Zulieferern geht Sihn nicht aus. Probleme hätten vielmehr die VW-Händler in den USA, die auf einem Berg von derzeit unverkäuflichen Fahrzeugen sitzen. Sie würden jetzt massiv vom Mutterhaus unterstützt.

Der Dieselmotor sei ein deutsches Prestigeobjekt und den Amerikanern ohnehin nur schwer vermittelbar. Für die US-Automobilindustrie sei der VW-Skandal ein Eldorado. „Die angekündigte Rückholaktion in Deutschland verstehe ich nicht ganz“, so Sihn im Gespräch mit der Pforzheimer Zeitung. Durch die Umrüstung würden zwar die versprochenen Abgaswerte erreicht, aber auch die Leistung der Fahrzeuge reduziert. „Das wollen die meisten Autobesitzer nicht.“

Mit der Software-Manipulation wurden ein PS-starker Motor und die geforderten Abgaswerte in Einklang gebracht, um den Verkauf anzukurbeln. Dieses Vorhaben aus dem Jahr 2007/8 sei jetzt aufgeflogen. Der zurückgetretene Konzernchef Martin Winterkorn habe von dem Betrug vermutlich nichts gewusst, sei quasi ein hochkarätiges Bauernopfer. „Aber der richtige Schritt, um den Druck etwas abzubauen. Wenn überhaupt, hätte der langjährige Aufsichtsratschef Ferdinand Piech, der Motoren-Papst des VW-Konzerns, von den Machenschaften Kenntnis haben können, glaubt Sihn.

In der ganzen Schadstoff-Diskussion dürfe man das Auto nicht verteufeln. Schließlich sei die Kfz-Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage unseres Wohlstands gewesen. Das abgasfreie Auto gebe es bereits – und das ist das Elektromobil, „aber das will eben derzeit keiner kaufen“.